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WAZ / Essen,Samstag, 18.10.08


Allgemeines Unbehagen

Nicht jeder begrüßt den Böhmer-Lagerumbau zum Gotteshaus - die neue Altendorfer Moschee ist in der Bevölkerung umstritten.
Versuch einer Deutung: Landnahme-Mentalität, Macho-Gehabe, Ansprüche, Kopftuch und Sprachgettos verursachen ein Gefühl der Unberechenbarkeit


Von Bernd Kassner

Im Online-Forum auf derwesten.de gibt es seit 16 Monaten einen Diskussionsstrang, der den Bau der Moschee in Altendorf zum Thema hat. Dieser Thread lief bis gestern über 372 Seiten mit insgesamt 5573 Wortbeiträgen und 232 505 Aufrufen; heute werden es schon wieder mehr sein.

In vielen Beiträgen äußert sich Angst oder zumindest Unbehagen. Etwas Fremdes, Unüberschaubares, Unverständliches kommt auf uns zu. Äußeres Zeichen dafür: die Moschee. Ein Kollege hat dieses Gefühl im Bauch einmal mit „Landnahme"-Gefühl beschrieben. Jetzt kommen „die" und machen sich hier breit.

Das erstaunt auf den ersten Blick für eine Gegend, die seit dem 19. Jahrhundert ein klares Einwanderungsgebiet ist. Die Ruhrpolen und Ruhrtschechen. Dann die spanischen und italienischen Gastarbeiter, Griechen und Portugiesen. Was wäre unsere Sportgruppe ohne Enzo, der mal irgendwann aus Neapel kam? Alle wurden integriert. Zuletzt kamen Türken. Na und? Dann kommen jetzt eben Türken.

Es ist leider nicht so einfach. Enzo arbeitet und zahlt Steuern, stellt kaum Ansprüche, wohnt nicht in Fast-Gettos und tritt nicht in fremde Sprachen sprechenden Gruppen auf. Er spricht perfekt deutsch. Manche Türken, die in vierter Generation in Altendorf leben, radebrechen schlimmeres Deutsch als ein kanarischer Ansichtskartenverkäufer.

Viele türkische Migranten arbeiten auch gut und zahlen Steuern. Manche nicht. Sie arbeiten nicht und stellen Ansprüche auf Leistungen (die ihnen vom Gesetz her auch zustehen). Und da ist es wieder, dieses Gefühl: „Die" wollen etwas haben. „Unser" Geld. „Landnahme" im Sozialamt.


"Dann trete ich
die Tür ein und
hänge sie aus"

Mehmet (Name geändert) wohnt mit seiner Familie im Mehrfamilienhaus und wurde mit einer Trockenraum-Wochenregelung konfrontiert. Mehmet: „Wenn meine Frau in den Trockenraum will und er ist abgeschlossen, dann trete ich die Tür ein und hänge sie aus." Eigene Gesetze, „Landnahme" im Wohnhaus.

In einen Gottesdienst kommen zwei Jugendliche, brüllen von hinten „Allahu akbar" durch die Kirche und verschwinden wieder. Niemand traut sich, einzugreifen. „Landnahme" im Religiösen.

In Altendorf sollen alteingesessene Frauen den Gehweg frei machen für vor Imponiergehabe platzende Halbstarke. Banden rotten sich zusammen.„Landnahme" auf der Straße.

Ein Arbeiter mit Migrationshintergrund bekommt Anweisungen von einer Vorgesetzten - ein Beispiel aus dem Forum - und bleibt einfach stehen, ohne etwas zu tun. Auf Rückfrage heißt es, von einer Frau lasse er sich keine Anweisungen geben. Der Angestellte bringt also seine eigenen, für uns fremden und unakzeptablen Regeln für das Arbeitsleben mit und verlangt, dass man sich dem unterwirft - „Landnahme" am Arbeitsplatz.

Vieles von dem tun deutsche Rüpel übrigens auch. Wir wissen aber auf Grund von Erfahrungs- und gemeinsamen Sozialisationswerten recht gut mit deutschen Rüpeln umzugehen. In der Zechensiedlung, in der ich groß geworden bin, wäre die Sache mit dem Trockenraum ungefähr so ausgegangen: Vater geht zum renitenten Nachbarn rüber und fängt an: „So, jetzt hömma zu, Willi..." Die Sache endet dann günstigenfalls bei zwei Flaschen Pils, schlechtenfalls beim Schiedsmann.

Wir wissen nicht mit Übergriffen von Migranten auf direktem Weg umzugehen. Was passiert denn, wenn ich sage: „So, jetzt hömma zu, Mehmet..."? Versteht er mich überhaupt? Und wie reagiert er? Die (noch) nicht integrierten Migranten tragen einen permanenten Faktor des Unberechenbaren in die Gesellschaft.

Das zu beseitigen aber ist die Bringschuld unserer Gäste, zumal dann, wenn sie uns gleichgestellte deutsche Staatsbürger werden wollen oder es dem Papier nach sogar schon sind; dann erst recht. Sie müssen sich als berechenbar zeigen oder besser gesagt, da sie das vielleicht schon zu tun versuchen: Sie müssen sich als für die christlich-abendländisch geprägte Mehrheitsgesellschaft berechenbar fühlbar machen.

Zur Berechenbarkeit gehört auch, dass Neubürger sich unseren Regeln unterwerfen - nicht wir uns ihren. Das ist Integration. Meine polnische Urgroßmutter war übrigens froh, ihr Kopftuch loszuwerden. Es galt als „Polacken"-Stigma. Es ist mir rätselhaft, dass sich junge türkische Frauen überhaupt damit auseinandersetzen in der deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die sie als ihre Lebens-Gesellschaft frei gewählt

haben. Für mich ist auch dies desintegrativ.
Bildunterschrift:
Im ehemaligen Böhmer-Lagerhaus In der Hagenbeck in Altendorf entsteht die neue Moschee der türkischen islamischen Gemeinde, die bisher an der Helenenstraße beheimatet ist. Das Projekt ist in der Bevölkerung umstritten. Foto: WAZ, Rennemeyer
Wir sind umgezogen: von der Maxstr. 11 zur Friedrich-Ebert-Str. 30, 45127 Essen
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