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WAZ / Rhein/Ruhr,Freitag, 27.07.07


Keine Angst vorm Minarett

Muslimische Gemeinden haben ein gutes Recht, im Ruhrgebiet Gemeindezentren zu errichten. Trotzdem lösen solche Pläne Bauchgrimmen aus. Nachvollziehbar, sagen Theologen und Politikwissenschaftler - aber kaum hilfreich


Von Kai Süselbeck
Essen. Als Ruhrbischof Felix Genn eine Selbstverständlichkeit betonte, haben viele Katholiken im Bistum die Welt nicht mehr verstanden. Natürlich dürfe die muslimische Gemeinde in Duisburg eine Moschee bauen, hatte er gesagt. Und dafür entsetzte Briefe geerntet: Die bauen auf und Sie reißen unsere Kirchen ab! Einer von vielen Gründen, warum Moscheebauten mit Unbehagen betrachtet werden.
Landnahme
Ein Moscheebau "wirkt wie eine Landnahme", sagt Prof. Claus Leggewie, neuer Präsident des Kulturwissenschaftlichen Institutes (KWI). Der Bau von türkischen Gemeindezentren symbolisiere die Fortdauer von Zuwanderung. "Man hat den Deutschen ja nie erklärt, dass wir ein Einwanderungsland sind." In diesem Sinne hätten auch Deutsche Integrationsbedarf, sagt Volker Meißner, Referent für Migration und interreligiösen Dialog im Bistum Essen: Sie müssten die real existierende Gesellschaft zur Kenntnis nehmen". Das Signal einer Moschee "Wir sind hier und wir bleiben hier" könne Integrationsbereitschaft bedeuten.
Die im Dunkeln

Die Essen-Altendorfer Ditib-Gemeinde will eine Moschee für 2000 Gläubige bauen und hat mit dieser Zahl Ängste ausgelöst. Wie viele türkische und arabische Muslime leben im Ruhrgebiet? Die Ditib-Gemeinde behauptet von sich, 70 Prozent aller in Deutschland lebenden Türken zu vertreten. "Fantasiezahlen", sagt Meißner. "Es gibt keine verlässlichen Statistiken.

Zusammenhang
völlig gegen
jede Logik

Unsere Zahlen beruhen auf intelligentem Raten." Aber eins sei sicher: "Es gibt Ramadan-Muslime und Weihnachts-Christen."

Offensive
"Die demonstrative muslimische Art, Religion zu zeigen", löse im säkularisierten Deutschland Irritationen aus, sagt Leggewie. "Muslime signalisieren ein religiöses Selbstbewusstsein, das uns aussterbende Christen verunsichert." Diese Verunsicherung bemerkt auch das Bistum, das aus Mangel an Geld und Gläubigen Kirchen schließen muss. "Viele Menschen stellen einen Zusammenhang her, völlig gegen jede Logik", sagt Meißner. "Aus einem Gefühl heraus: Die nehmen uns was weg. Unsinn. Wenn morgen alle Muslime gehen würden, würde sich im Bistum nichts ändern."
Generalverdacht
Spätestens seit dem 11. September 2001 stehen alle muslimischen Gemeinden unter dem Generalverdacht des Fundamentalismus, sagt der Politikwissenschaftler Leggewie, der seit Jahrzehnten zum Islam forscht und lehrt. Und daran seien viele Gemeinden nicht ganz unschuldig: "Die Verbände sagen nie, was sie eigentlich machen." Deshalb fordert er die Muslime auf "intensiv für ihre Projekte zu werben". Und Integrationspolitiker, "nicht in Hinterzimmern zu mauscheln".
Zentralmoschee
Noch so eine Gänsehaut-Vokabel. So etwas sei in Altendorf keineswegs genehmigungsfähig, hat die Stadt Essen schon verkündet. Dabei sei eine Zentralmoschee nicht vergleichbar mit dem Dom eines Bistums, sagt Meißner, sondern Ausdruck der Konkurrenz zwischen den Verbänden um die religiöse Lufthoheit.
Islam und Politik
Mindestens einige muslimischen Verbände, so Meißner, betonten die Einheit des Islams, ordneten sich aber politischen Parteien in der Türkei zu. Das muss aufhören, fordern evangelische und katholische Integrationsbeauftragte: Die Vermischung von Religion und Politik sei "höchst problematisch". Und im konkreten Fall vor Ort ohnehin von wenig Bedeutung. "Eins steht fest", sagt der Theologe Meißner: "Überall, wo im Ruhrgebiet Moschee-Neubauten entstanden sind, haben sie der Integration einen Schub gegeben." Wie in Gladbeck. Da ist die Ditib-Gemeinde inzwischen anerkannt als ein Träger der Jugendhilfe.


-> online Diskussion: Zwischen Unbehagen und Offenheit waz.de/direkt


KWI und Ditib

Das Essener Kulturwissenschaftliche Institut (KWI) ist ein interdisziplinäres Forschungskolleg für Geistes- und Kulturwissenschaften. Es fördert Forschung, Nachwuchs, internationalen wissenschaftlichen Austausch und interkulturellen Dialog. Hinter Ditib verbirgt sich die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion.
Bildunterschrift:
Mit Kuppel und Minarett- die Moschee in Essen-Katernberg.
Wir sind umgezogen: von der Maxstr. 11 zur Friedrich-Ebert-Str. 30, 45127 Essen
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