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2018: Neue Stolpersteine in Essen verlegt

Immer wieder werden in Essen neue Stolpersteine als Erinnerung und Ehrung für die Opfer der Nazis verlegt.

WAZ/NRZ, 25.05.2018 Späte Erinnerung an die verlorene Familie

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WAZ/NRZ / Essen,Freitag, 25.05.2018

Späte Erinnerung an die verlorene Familie

Am Mittwoch wurden in Essen in verschiedenen Stadtteilen Stolpersteine verlegt. Für diese Ehrung ihrer Eltern und Großeltern reisten Verwandte aus Israel, den USA und Australien an


Von Christina Wandt

Wer meint, man solle endlich einen Schlussstrich ziehen, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, der sollte am Mittwoch an der Maxstraße in der City stehen. Wo Tränen fließen in Erinnerung an Erna und Martin Pelz, gestorben 1945. So lange her und nie vorbei für ihre Enkeltöchter Tali Samuels und Yael Caspi, die für diese Zeremonie aus Israel gekommen sind. Für die Stolpersteine, die Gunter Demnig vor Nummer 24 verlegt, für die Worte, die Dagmar Günther vom Stadtarchiv spricht.

Sie erzählt von einer Familie Pelz, die eine Elektro-Firma hatte und einen Sohn namens Wolfgang. Zu ihrem Leben gehörten der Kegelverein wie die Synagoge, weil sie ganz selbstverständlich Essener waren und Juden. Bis ihr Selbstverständnis als Deutsche von den Nazis brutal vernichtet wurde. 1942 wurden Erna und Martin Pelz ins polnische Izbica deportiert, danach verliert sich ihre Spur. Ihr Sohn Wolfgang hatte vergeblich auf ihre Rettung gehofft.

Wolfgang war als Jugendlichem noch rechtzeitig die Flucht nach Palästina gelungen, er nahm dort später den Namen Zeew Peled an und gründete eine Familie. „Aber er hat uns nie von der Vergangenheit gesprochen“, sagt seine Tochter Yael Caspi. „Und wir haben das immer respektiert, weil wir wussten, dass er seine Familie verloren hat“, ergänzt ihre Schwester Tali Samuels.


„Wir hatten kein
Grab für sie, nun
gibt es diese
Stolpersteine, die
an sie erinnern.“
Die Enkel von Erna
und Martin Pelz

Gesprochen hat Wolfgang Pelz erst, als er 1988 über das Besuchsprogramm der Stadt Essen in seine frühere Heimat zurückkehrte. Damals lernte er über das Gedenkprojekt der Alten Synagoge Dagmar Günther kennen, „und ging mit uns den Weg zurück in seiner Lebensgeschichte“. Er vertraute Günther auch den Briefwechsel seiner Eltern an. „Ich habe die Briefe gehütet, die Sütterlin-Schrift entziffert, alles abgetippt.“ Yael Caspi und Tali Samuels konnten die Briefe nun in der Alten Synagoge einsehen und so ihre Großeltern kennenlernen. „Wir hatten kein Grab für sie, keinen Ort, nun gibt es diese Stolpersteine, die an sie erinnern“, sagen die beiden. Aus Dankbarkeit haben sie im Carmel-Gebirge in Israel Bäume für Gunter Demnig gepflanzt.

Kritiker der Stolpersteine sagen, hier werde die Erinnerung mit Füßen getreten. Die Familien, die am Mittwoch aus Australien, Israel und den USA nach Essen kamen, weil dort Stolpersteine verlegt wurden, empfinden das völlig anders. Shanti Conly aus Washington D.C. erzählt, wie sie davon hörte, dass in Köln ein Stolperstein für ihre Urgroßmutter liegt: „Ich dachte, wie schön es ist, dass die Leute dort an sie erinnert werden.“ Eine solche Erinnerung wünschte sie sich auch für ihre Mutter und ihre Großeltern, deren Wohnung an der Brunnenstraße 55 im Südviertel im Novemberpogrom 1938 verwüstet wurde. Nach diesem Schock schickten die Eltern ihre Tochter Anneliese mit einem Kindertransport nach England. Das literarisch talentierte Mädchen sollte überleben, heiratete später einen Arzt aus Sri Lanka und wurde dort als Anne Ranasinghe zu einer hochgeehrten Dichterin, deren Werke um das Leiden der Juden und ihrer Familie kreisen: Ihre Eltern Anna Amalia und Emil Katz wurden 1944 in Kulmhof (Chelmno) umgebracht. Ihr habe die Mutter wenig über das Leben der Familie erzählt, sagt Shanti Conly. Darum hat sie die Familiengeschichte selbst zusammengetragen und sich mit ihrer Tochter Gillian Richter und ihrer Schwester Renuka Ranasinghe aus Perth auf den Weg nach Essen gemacht: Dort stehen sie nun im Nieselregen an der Brunnenstraße, schauen auf drei Stolpersteine – Ziel ihrer Reise.



Stolpersteine liegen heute bereits in 21 Ländern

  • Seit den 1990er Jahren erinnert der Künstler Gunter Demnig an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Messingtafeln ins Trottoir einlässt – die Stolpersteine. Demnig wollte erst Plaketten an Hauswänden anbringen, ahnte aber, dass das vielen Eigentümern unrecht gewesen wäre. Heute liegen über 60 000 Stolpersteine in 21 Ländern.
  • Kritiker wie die Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München Charlotte Knobloch sagen, mit den Stolpersteinen werde das Andenken der Menschen mit Füßen getreten. In München dürfen keine Stolpersteine im öffentlichen Raum verlegt werden.

Begegnung mit der Jugend der Mutter

David Hughes ist aus Australien ins Südostviertel gekommen

David Hughes hat einen langen Weg zurückgelegt, vom australischen Wamberal in die Dammannstraße im Südostviertel. Hier lebten einst seine Großeltern Henriette und Leo Fränkel, die er nie kennengelernt hat. Umso wichtiger ist ihm dieser Ort, an dem nun Stolpersteine für Großmutter und Großvater liegen, die von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet wurden. „Es ist tröstlich, diese besondere Erinnerung an sie zu haben“, sagt David Hughes. „Auch meine Kinder und Enkel werden herkommen.“ Schon jetzt begleitet ihn sein Neffe Brian.

David Hughes’ Mutter Ilse Fränkel (später Hughes) wurde im Südostviertel groß, hat das Viktoria-Gymnasium besucht, bevor die Nazis ihr den Schulbesuch untersagten. 1939 schickten die Eltern die 19-jährige Ilse und ihren Bruder Werner (22) nach Kenia. Sie wollten ihre Kinder in Sicherheit bringen, aber warum sie das ostafrikanische Land wählten, ist bis heute unklar. Bekannt ist, dass Leo Fränkel Suaheli lernte, dass er mit seiner Frau nachkommen wollte. Doch die beiden wurden nach Theresienstadt deportiert – von da kam der letzte Brief an die Kinder: undatiert und zensiert.

„Meine Mutter hat uns manches erzählt, aber sie war traumatisiert“, sagt David Hughes. Es gab Auslassungen in Ilses Familiengeschichte, die der Sohn später zu füllen versuchte. Auch mit Hilfe der Stolperstein-Initiatoren, „von denen wir sehr viel erfahren haben“, wie Davids Frau Janine Hughes betont.

David Hughes hat seine Familiengeschichte aufgeschrieben, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Besuch in Essen. Hier hat er übrigens Norbert Imbusch kennengelernt: „Seine Mutter war die beste Freundin meiner Mutter.“ Dass sich deren Söhne nun gefunden haben, sei das große Glück dieser Reise. wan
Bildunterschrift:
  • Maxstraße 24: Hier erinnern nun Stolpersteine an die Familie Pelz. Wolfgang Pelz ist der Vater von Tali Samuels (l.) und Yael Caspi (r.), die aus Israel anreisten. Gunter Demnig verlegte die Steine, Dagmar Günther (Stadtarchiv) regte die Verlegung an.
  • Brunnenstraße 55 (v.l).: Gillian Richter, Shanti Conly und Renuka Ranasinghe.
  • Erna Pelz mit Sohn Wolfgang, der in Israel den Namen Zeew Peled annahm.
  • Dammannstraße 94: (v.r.) David und Janine Hughes sowie ihr Neffe Brian mit den Kindern Naith (M.) und Jordan.
  • Stolpersteine für das Ehepaar Fränkel, Dammannstraße. FOTOS: STEFAN AREND
    Aufschrift linker Stein: „Hier wohnte / LEO FRÄNKEL / Jg 1879 / 'Schutzhaft 1938' / Dachau / Deportiert 1942 / 1944 Auschwitz / ermordet“,
    Aufschrift rechter Stein: „Hier wohnte / HENRIETTE FRÄNKEL / geb. Wolff / Jg. 1882 / Deportiert 1942 / 1944 Auschwitz / ermordet“)


WAZ/NRZ, 07.06.2018 Stolpersteine für mutige Männer

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WAZ/NRZ / 'Aus den Stadtteilen,Donnerstag, 07.06.2018

Stolpersteine für mutige Männer

Der Frintroper Gewerkschafter Heinrich Imbusch und der Borbecker Salesianer Theodor Hartz widersetzten sich dem Nationalsozialismus und bezahlten dafür mit ihrem Leben


Von Vera Eckardt

Borbeck/Frintrop. Zwei neue Stolpersteine erinnern in Borbeck und in Frintrop an zwei Männer, die sich nicht einschüchtern ließen und ihre Stimme im Kampf gegen das NS-Regime erhoben. Der Preis dafür war hoch: Für ihre Unerschrockenheit und ihre Unbeugsamkeit mussten der Salesianer Theodor Hartz und der Gewerkschaftsführer Heinrich Imbusch mit ihrem Leben bezahlen.

Für Arnd Brechmann ist Heinrich Imbusch der bedeutendste Frintroper.. Deswegen hat der Vorsitzende der St. Josef-Frintrop-Stiftung die Initiative ergriffen, zu seinem Gedenken einen Stolperstein zu verlegen – und als Stiftung die Kosten dafür zu tragen. „Heinrich Imbusch war ein aufrechter Demokrat und Christ, der sich seinen Mund nicht verbieten ließ und seine Stimme gegen die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten erhob“, sagt Arnd Brechmann, „gerade in der heutigen Zeit, wo die Rechtspopulisten immer lauter werden, empfinde ich diese Tugenden als besonders wichtig.“

Der Lebensweg des 1878 geborenen und in Frintrop aufgewachsenen Heinrich Imbusch endete 1945, wenige Monate vor Kriegsende, im Keller des Elisabeth-Krankenhauses, wo er an einer Lungenentzündung und an Entkräftung starb. Dazwischen lag ein außergewöhnliches Leben: Als Sohn eines Tagelöhners konnte Heinrich nur die Volksschule besuchen und musste als 14-Jähriger bereits unter Tage arbeiten. Gemeinsam mit seinem Bruder trat er in den Gewerkverein Christlicher Bergarbeiter ein. „Dort erkannte man sein Potenzial und bildete ihn weiter“, erzählt sein Enkel Norbert Imbusch (68), der gemeinsam mit seiner Schwester Beate Simmat bei der Stolperstein-Verlegung am Höhenweg 30 anwesend war. „Das war ein sehr bewegender Moment für uns“, sagt Beate Simmat (70). Denn das Schicksal ihres Großvaters hat die Familie Imbusch geprägt. „Aber erst als Erwachsener haben wir begonnen, uns mit der Geschichte des Großvaters zu beschäftigen.“

Der wurde 1905 Redakteur der christlichen Bergarbeiterzeitung und nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war er bis 1933 Erster Vorsitzender des Gewerkvereins und saß als Abgeordneter für die Zentrumspartei im Reichstag. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, begannen sie sofort mit der Zerschlagung der Gewerkschaften. Imbusch und seine Familie wurden ausgebürgert und landeten zunächst im Saarland, wo Heinrich Imbusch die Neue Saarpost gründete und in Wort und Schrift gegen den Nationalsozialismus kämpfte.


„Mein Vater konnte
sich nicht von
seinem Vater
verabschieden. Das
hat ihn sein Leben
lang verfolgt.“
Norbert Imbusch,
Enkel von Heinrich Imbusch

Mehrfach versuchte die SA, ihn zu verschleppen. Imbusch floh schwer verletzt nach Belgien, kehrte von dort 1942 heimlich zurück nach Essen, wo ihn seine Familie bis zu seinem Tod versteckte. „Mein Vater war zur gleichen Zeit im Krieg. Denn trotz der Ausbürgerung haben ihn die Nazis noch 1944 eingezogen. Deswegen konnte er sich nicht verabschieden. Das hat ihn sein ganzes Leben lang verfolgt“, sagt Norbert Imbusch. Das lag auch daran, dass die ganze Familie Imbusch von der Staatenlosigkeit betroffen war. „Da gab es keine Wiedergutmachung in irgendeiner Form. So wurden wir erst Mitte der 1960er Jahre wieder eingebürgert.“

Ähnlich bewegend wie das Schicksal von Heinrich Imbusch ist das von Theodor Hartz: Der Salesianer stirbt am 23. August 1942 im Konzentrationslager Dachau. In drei knappen Sätzen teilt die Lagerkommandatur seinem Bruder den Tod mit. Als angeblicher Grund wird ein „Darmkatarrh“ genannt, in Wirklichkeit starb der Geistliche an den Folgen der unmenschlichen Behandlung: Die hygienischen Verhältnisse und die Zuteilung von Lebensmitteln waren im Sommer 1942 in Dachau katastrophal.

„Er war unerschrocken, protestierte bereits 1933 gegen die tätlichen Angriffe der Hitlerjugend“, heißt es in einer Schülerarbeit des Borbecker Don Bosco Gymnasiums. Für den dortigen Geschichtslehrer Georg Schrepper ist die Auseinandersetzung mit der Gedenkform Stolpersteine in Borbeck schon lange ein fester Bestandteil des Lehrplans. Regelmäßig recherchieren die Schüler der Oberstufe die Lebensläufe der Menschen, derer in dem Stadtteil gedacht wird. „Natürlich ist der Stolperstein für Theodor Hartz, der ja ab 1924 Leiter des Borbecker St. Johannes Stiftes war und aktive Jugendarbeit betrieb, etwas Besonderes für das Don Bosco Gymnasium“, so Schrepper.

Ein gebrochener Mann
Den Nationalsozialisten war diese christliche Jugendarbeit ein Dorn im Auge. Dabei fixierten sie sich auf die Person Theodor Hartz: Seit 1934 versuchte die Gestapo (Geheime Staatspolizei) ihn mit dem Vorwurf angeblicher Sittlichkeitsverbrechen und Devisenvergehen zu diskreditieren und seinen Widerstand zu brechen. Lange hielt Hartz allen Attacken stand, bis er im April 1942 verhaftet wurde. Ohne Anklage oder Prozess saß er im Landesgefängnis Trier ein, von dort aus wurde er zwei Monate später nach Dachau deportiert. Das Einlieferungsfoto zeigt einen gebrochenen, durch die Haft gesundheitlich stark angeschlagenen Mann, der nach nicht mal zwei Monaten entkräftet starb. Neben der Asche erhielt seine Familie als einzige persönliche Habseligkeit seine Brille zurück.


Stiftungen übernehmen die Kosten

  • Der Stolperstein für Heinrich Imbusch wurde auf dem Höhenweg 30 in Frintrop verlegt. Der für Theodor Hartz auf der ihm gewidmeten Straße in Borbeck, Hausnummer 15.
  • Für die Kosten kommen die St. Josef-Frintrop Stiftung und die Christoph-Metzelder-Stiftung auf. Info zu Stolpersteinen auf www.stoplpersteine.eu
 
Bildunterschrift:
  • Norbert Imbusch und Beate Simmat am Stolperstein, der für ihren Großvater Heinrich Imbusch am Höhenweg in Frintrop verlegt wurde. FOTO: SOCRATES TASSOS
  • Theodor Hartz (1887-1942) war Salesianer Don Boscos. REPROS: HO
  • Ein gebrochener Mann: Theodor Hartz bei der Einlieferung ins KZ Dachau.
  • Heinrich Imbusch (1878-1945) auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1929.
Wir sind umgezogen: von der Friedrich-Ebert-Str. zur Steubenstr.49, 45138 Essen
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