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Grüne Zeiten / Essen, November 2001


Stahlbuch

GRÜNE wollen nationalsozialistische Tradition beenden

Auf Anregung der Essener GRÜNEN hat der Rat der Stadt sich dafür ausgesprochen, die Tradition der Stahlbucheintragungen für Ehrengäste der Stadt Essen anlässlich der 1150-Jahrfeiern im kommenden Jahr zu beenden und eine neue, zeitgemäße Form des Gästebuchs zu entwickeln. Der Ältestenrat wird sich mit Umsetzungsmöglichkeiten des GRÜNEN Antrags befassen, in dem die Hintergründe der Stahlbuch-Tradition kritisch beleuchtet werden, deren sich viele Essener BürgerInnen heute nicht mehr bewusst sind.


Die Art und Weise der Stadtrepräsentation und ihre geschichtlichen Ursprünge müssen gerade bei städtischen Jubiläen darauf überprüft werden, ob sie heutigen moralischen Ansprüchen standhalten können. Beim Stahlbuch der Stadt Essen ist dies eindeutig nicht der Fall: Es wurde 1934 ausdrücklich angelegt, um auch hier symbolisch mit dem Dritten Reich eine neue Epoche der Stadt einzuläuten. Bis heute ist die faschistische Losung bekannt geblieben, die Deutschen müßten flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl werden. Der bisherige Stolz der Stadtwerbung über das bundesrepublikanische Alleinstellungsmerkmal eines Stahlbuchs dürfte sich schwerwiegend ins Gegenteil verwandeln, wenn Ehrengästen bewusst wird, dass sie mit ihren Stahlbucheintragungen eine faschistische Tradition weiterführen. Im Juni 1934 war das Stahlbuch auf Anregung des ersten nationalsozialistischen Essener Oberbürgermeisters Dr. Theodor Reismann-Grone anlässlich der Stadtbesuche der damaligen Essener Ehrenbürger Adolf Hitler und Hermann Göring eingeführt worden und wurde nach Kriegsunterbrechung dann ab 1953 ohne Nationalsozialistische Insignien fortgesetzt. Bei der Rückbesinnung auf 1150 Jahre Stadtgeschichte müsste es im Jahr 2002 möglich sein, hier auch im kulturell-symbolischen Bereich die Epoche der braunen Diktatur in den historischen Giftschrank zu legen, ohne sie verschweigen zu wollen.

Denkbar wäre nach Auffassung der GRÜNEN statt dessen ein öffentlicher Wettbewerb - vielleicht mit Hilfe des Design-Zentrums NRW oder der Gestaltungsfachbereiche der Gesamthochschule Essen - wie im neuen Jahrtausend ein Gästebuch der Stadt Essen aussehen könnte, die ihre Vergangenheit als Rüstungsschmiede des Deutschen Reichs überwunden hat, in der schon seit Jahrzehnten kein Stahl mehr gekocht wird und die eine international offene Metropole sein will. Es darf sich niemand damit zufrieden geben, dass die faschistische Geburtshilfe des Stahlbuchs den meistens Ehrengästen der Stadt unbekannt sein dürfte.
w.w./ul

Quelle: http://www.gruene-essen.de/gz/2001/dezember/aus_dem_rathaus.html (kopiert im Sommer 2007)

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