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WAZ / Essen, Rubrik Mitmenschen,Mittwoch, 14.02.2007


Stadtgeschichte in Stahl

Seit über 30 Jahren gestaltet Helmut Groth die Seiten des "Stahlbuches", des Gästebuchs der Stadt. Trotz seiner Pensionierung bleibt er dem Amt treu. Zu jeder Unterschrift kennt er ein Histörchen.


Von Julia Valtwies


"Am schönsten war die Begegnung mit Otto Rehagel nach der EM 2004", schwelgt Helmut Groth in Erinnerungen.

Wie mit Rehagel verbinden ihn mit jedem großen Namen, der seit 1976 in Essen aufgetaucht ist, etwa zwei Tage Arbeit und eine ganz individuelle Kreation. Denn Helmut Groth ist der Herrscher über das "Stahlbuch" - dem Gästebuch der Stadt.

Nach einer Ausbildung in Plakatmalerei, kam er im Laufe der Zeit zum Presseamt der Stadt Essen, wo ihm die Obhut über die Gestaltung des Stahlbuches angeboten wurde. Er trat damit die Nachfolge eines Professors der Folkwangschule an. Das war nun vor knapp 31 Jahren und noch ist kein Ende in Sicht.

Bei den meisten Eintragungen war er nicht zugegen, nur bei denen, die ihn richtig interessierten. So etwa bei Otto Rehagel, Muhammad Ali oder Papst Johannes Paul II. Und zu allen hat er eine Geschichte zu erzählen. Für Muhammad Ali beispielsweise gestaltete er eigens ein Wappen mit Boxhandschuh und Lorbeerblatt.

Johannes Paul II wollte der Hobbyfilmer Groth eigentlich auf VHS bannen, doch die Akkreditierung kam genau einen Tag zu spät. Heute erinnert ihn ein Foto an den denkwürdigen Tag 1987.

Erst mit der kreativen Arbeit Groths kamen Wappen und Bilder auf die Seiten. Manche Ideen, gibt er zu, stammen nicht von ihm. So z.B_ ein aus mehreren Friedenstauben bestehender Judenstern zum Besuch des israelischen Botschafters anlässlich des 30. Geburtstages Israels im Jahr 1978. Ein junges Mädchen inspirierte ihn zu diesem Bild. "Leider haben sie bis heute nichts bewirkt" resümiert er über die Tauben.

Ein ganzes Stück Geschichte bildet sich so in diesem Buch ab. Ursprünglich entstand die erste Seite 1933. Doch heute beginnt die Geschichte hinter den Stahlplatten erst 1953 wieder. Die Seiten wurden herausgetrennt und ins Archiv verlegt. Ein Wunsch von Helmut Groth ist es, diese Seiten einmal zu sehen. Immerhin seien sie Teil der Geschichte und sonst müssten auch Figuren wie Erich Honecker aus dem Buch getilgt werden.

Egal, wer sich in das Gästebuch einträgt, stets geht der Rentner mit der gleichen Sorgfalt an die Arbeit. Ausgefeilte Stadtporträts oder aufwendige Landeswappen zeichnet er dabei zuerst auf einfachem Papier vor, bevor sie sich auf den wertvollen Seiten des großen Buches Wiederfinden.

Verschreiben darf man sich da nicht. Und wenn es doch einmal passiert, muss er penibelst darauf achten, es vorsichtig zu retten. So hatte er schon Bedenken als der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau mit Frau kommen sollte, dann aber alleine auftrat. Auf der Seite standen bereits beide Namen und es blieb keine Zeit dies vorher zu beheben. Dank des Rau'schen Humors war aber keine Umgestaltung nötig. Er unterschrieb und setzte dahinter "(ohne Frau Christina)"

Wie viele Seiten Groth bis heute gestaltet hat, weiß er nicht. etwa 145. Und bis wann er vorhat diesen Dienst weiter zu leisten? "Bis das Buch voll ist". Und Platz ist noch genug.




Das "Stahlbuch" liegt die meiste Zeit des Jahres im Tresor des Rathauses. Wer es herausholen will, sollte sich vorher allerdings ordentlich dehnen und Kraftübungen betreiben. Denn es wiegt etwa 20 kg, ist 42 cm hoch, 33 cm breit und 8 cm dick. Der Umschlag, die Stahlplatten also, stammen aus der Schmiede Krupps und wurden von der Folkwangschule gestaltet. Die Seiten bestehen aus handgeschöpftem Büttenpapier.   jv
Bildunterschrift:
(rechts) In seinem heimischen Arbeitszimmer hält Helmut Groth nur selten das Buch in der Hand. An den Wänden hängen Kopien der schönsten Seiten Foto: WAZ, Arnold Rennemeyer
(links unten) Keine Ähre durfte fehlen beim Wappen der DDR Foto:WAZ,AR
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