|
Berlin/Essen. Kämpfen bis zur letzten Instanz: Der Hersteller des Modelabels „Thor Steinar” streitet deutschlandweit hartnäckig um Ladenlokale - mittlerweile sogar vor dem Bundesgerichtshof. Das jüngste Geschäft der unter Neonazis beliebten Marke hat gestern am Rand der Essener Fußgängerzone eröffnet.
Die Modemarke „Thor Steinar” gilt wegen ihrer nordischen Symbolik in rechten Kreisen als Kultlabel. Das neue Essener Geschäft mit der Kollektion der Brandenburger Firma Mediatex ist bundesweit der neunte Laden der Modemarke.
Erst Ende Februar hatte in Berlin-Friedrichshain ein neuer "Thor Steinar"-Laden eröffnet. Der Protest kam postwendend: Demonstranten zogen vor den Laden, Steine und Farbbeutel flogen an die Fassade. Zwei Wochen nach der Eröffnung kündigte der Vermieter dem Laden fristlos. Der Mieter habe verschwiegen, dass im Geschäft "Thor Steinar"-Artikel verkauft werden sollten. Auch dem Ladenlokal in Berlin-Mitte hatte der dortige Vermieter bereits vor längerem gekündigt, es folgten Widerspruch und Räumungsklage. Ob der Verkauf in den Berliner Läden dennoch weitergeht? "Klar, die sind offen", sagt ein Mitarbeiter von Mediatex.
"Für den Kampf gegen diese Läden braucht man einen langen Atem", weiß Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) in Berlin. Der Mietstreit um das "Thor Steinar"-Geschäft in Magdeburg liegt mittlerweile beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Einen Verhandlungstermin gibt es noch nicht. Der Versuch dagegen, im letzten Herbst auch in Hamburg einen Laden zu öffnen, endete in einer außergerichtlichen Einigung mit dem Vermieter. Das Geschäft konnte Ende September wegen Protesten aus der linken Szene nur unter Polizeischutz eröffnet werden. Nach Medienberichten hatte der Vermieter, die HSH Nordbank, zu spät erfahren, dass sich dahinter die Marke "Thor Steinar" verbirgt. Jetzt ist der Laden dicht. "Aber das heißt gar nichts: Thor Steinar will expandieren", sagt Bianca Klose.
Im November wurde die Mediatex GmbH von einem arabischen Investor übernommen. Ob die Stammkunden den ideologisch pikanten Wechsel hinnehmen? "In den Internetforen wird zwar viel diskutiert", so Klose, "aber Thor Steinar wird weiter seine Kunden an sich binden."
Die Mobilen Berater aus Berlin arbeiten gerade an einem Mustervertrag für Vermieter, die sicher gehen wollen, dass in ihren Läden "keine Produkte verkauft werden, die in der Öffentlichkeit mit einem Bezug zur rechtsextremen Szene wahrgenommen werden". Was schwammig klingt, bedeutet tatsächlich größtmögliche Wirksamkeit. Denn: Würde man von vornherein von "rechten Labels" sprechen, wäre im Fall der meisten Firmen der Nachweis juristisch nur schwer möglich.
Erst im März hatte sich der Berliner Polizeipräsident im Dickicht der rechten Modeszene verirrt. Nachdem Zivilbeamte mit scheinbar einschlägigen Kleidungsstücken gesichtet worden waren, ließ Dieter Glietsch zehn Modemarken auf den Index setzen. Vier von ihnen sind mittlerweile wieder von der Liste gestrichen worden. Nach wie vor untersagt sind Marken wie "Pit Bull", "Thor Steinar" und "Consdaple" - welche viele wegen der Buchstabenreihe "nsdap" im Namen kaufen.
Große Ahnungslosigkeit
In Essen wissen viele nichts über den neuen Nachbarn.
Essen. Ordentliche Auslage, sortierte Regale, blanker Parkettboden – das Geschäft mit dem nordischen Namen „Oseberg" sticht an der Viehofer Straße am nördlichen Rand der Essener Fußgängerzone ins Auge. In einem Umfeld, das von einigen alteingesessenen und engagierten Kaufleuten seit Jahren nur mit Mühe gegen Billigläden und Leerstand verteidigt wird, scheint eine vergleichsweise schicke neue Boutique eingezogen zu sein. Welch bittere Ironie.
Dass der Laden die bei Rechtsextremen beliebte Marke „Thor Steinar" führt, ahnte bis Freitag nicht einmal die Nachbarschaft. Es scheint sich nicht bis nach Essen herumgesprochen zu haben, dass das Label nach Einschätzung des Brandenburger Verfassungsschutzes als identitätsstiftendes Erkennungszeichen der Neonazi-Szene zu werten sei.
Ein möglicher Anlaufpunkt für Rechtsextreme oder tumultartige Gegenproteste haben der „Immobilien und Standortgemeinschaft Nördliche City" gerade noch gefehlt. Vor vier Jahren hat sich der Verein der Anlieger und Kaufleute gegründet, um das Quartier in Eigenregie aufzuwerten. Die Erfolge sind unübersehbar. Mit der neuen Disco „Essence" und einem Ausgeh-Viertel rund um das bekannte GOP-Varieté gewinnt die Viehofer Straße zunehmend an Attraktivität.
Allerdings kämpft man seit Jahren mit Immobilienbesitzern, die lieber schnell und billig ihre Ladenlokale vermieten wollen, als sich auf langfristig wirkende Konzepte einzulassen. Wem inzwischen das Haus des „Oseberg"-Shops gehört, das zuvor eine Eisdiele beherbergte, war am Freitag nicht zu ermitteln. waz
|