IV. Was es heißt, ,Ausländer' zu sein im täglichen Leben
Die Ergebnisse unserer Untersuchung bestätigen und erweitern unter einem
besonderen Gesichtspunkt die Kenntnisse über die Lebenslage des
Bevölkerungsteiles, den wir nach der oben gegebenen Definition 'Ausländer'
nennen, und zu deren Alltag beträchtliche Benachteiligungs- Erniedrigungs-
und Ablehnungserfahrungen gehören. Über die objektiv meßbare rechtliche
und soziale Benachteiligung hinaus bewegen sich Menschen, welche als
Ausländer klassifiziert werden, tagtäglich in einem Gewebe aus besonderen
Ängsten, Beleidigungen, Zurücksetzungen und Demütigungen. Diese subjektive
Ebene der Diskriminierung ist für die Betroffenen genauso wirklich wie die
objektiv gegebenen Benachteiligungen. Sie äußert sich in konkretem
Leidensdruck, wie er sich z.B. in stetiger Angst auf der Straße zeigen
kann.
Zu einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, ausländerfreundlich,
nicht diskriminierend zu sein, steht die Anzahl von 89% der Befragten, die
von derartigen Erfahrungen berichten, in krassem
Widerspruch.
Die nicht differenzierende Ablehnung läßt auf eine pauschalisierende Sicht
der Vielfalt der Kulturen schließen, welche die Minderheit in Deutschland
repräsentiert: die hier lebende 'Stichprobe der Welt-Bevölkerung' wird nur
in ihrer Eigenschaft wahrgenommen, anders als die
'Deutschland-Bevölkerung' zu sein. Somit findet sich die in anderen
Zusammenhängen festgestellte Dualität der Gesellschaft bereits in der
Wahrnehmung.
Im folgenden werden wir auch mit Hilfe von ausführlichen Beispielen
1), die einige der Befragten dargelegt haben, versuchen, die
Erlebniswelt zu veranschaulichen, die Gegenstand der Befragung war. Dabei
ist zu berücksichtigen, daß gemäß der Konzeption der Befragung, die
Antworten durch die subjektive Sicht gefiltert sind. Der tatsächliche
Hintergrund jeder einzelnen Aussage spielt in diesem Zusammenhang keine
Rolle. Entscheidend ist vielmehr das Lebensgefühl, das durch die sich
wiederholenden Erlebnisse für einen Teil der hier lebenden Bevölkerung
entsteht.
1Anmerkung: Zitate aus Beispielen geben wir nicht unbedingt
wörtlich wieder, da sie in der Hast der Straßenbefragung nicht immer
wörtlich aufgenommen wurden. Einige konnten auch nur sinngemäß erfaßt
werden und sind deshalb in der dritten Person wiedergegeben.
4.1. Diskriminierungsebenen
Wie auch in der quantitativen Auswertung im III. Kapitel werden wir im
Einzelnen auf die im 1. Kapitel eingeführten Ebenen eingehen.
Aggressive Diskriminierung
Kennzeichnend für diese Ebene ist die Entwertung der Person, die sich
zunächst auf der niedrigsten Stufe der verbalen Entgleisungen ausdrückt. Von
dieser Entwertung bis zum physischen Angriff ist die Skala zwar lang, aber
kontinuierlich.
Nur im 7. Fragenblock haben wir getrennt: "Wurden Sie ... in der
Öffentlichkeit ... beschimpft oder beleidigt" bzw. "...körperlich
angegriffen7". Wie es zu erwarten war, wurden wesentlich häufiger
Beleidigungen als physische Angriffe bejaht (s. Anhang A, Frage 7). Ebenfalls
sind bei den konkreten Beispielen Fälle von physischer Gewaltanwendung eher
selten, wenn auch vorhanden. So wird von einer Schlußverletzung berichtet und
von einem Angriff, bei dem ein großer Stein durch das Fenster in die Wohnung
geworfen wurde, ferner von Angriffen mit Gasspray, mit einer Bierflasche, sogar
durch Lehrer mit einer Sandale, von Treten und Anspucken. Als Angreifer werden
unter anderen Skinheads, Nazis, aber auch Betrunkene genannt. Eine schwangere
Frau mußte in Folge eines Angriffes ins Krankenhaus, auf eine gerichtliche
Reaktion wartet die Familie seit 4 Jahren.
Folgende Erfahrungen kann ein Mensch machen: »Ich war einmal in einer
Kneipe, und, als ich reinkam, haben die Leute angefangen über den Bürgerkrieg
in Ruanda zu reden. Und einer hat wegen meiner Anwesenheit angefangen, die
Schwarzen zu beleidigen. Ich habe ihm geantwortet, daß, obwohl ein Krieg
angefangen hat in Ruanda, nicht alle Schwarzen so sind, wie er es sich
vorstellt. Er ist sofort zu mir gekommen und hat mich mit seiner Faust auf
den Kopf getroffen. Sofort sind die anderen Gäste gekommen, um ihn zu halten
und ihm zu erklären, daß das was ich ihm gesagt habe stimmt und keine
Beleidigung ist. Manchmal gibt es dumme Leute, die, wenn sie einen Schwarzen
sehen, anfangen NEGA zu schreien.«
»Die Familie lebt in Gladbeck. Vor 2 Jahren standen immer Skinheads vor
dem Haus. Die Polizei ist nicht genügend Streife gefahren. Die Bewohner und
ihre Familien haben 2 Monate lang nicht geschlafen. "Ich habe mich gefühlt
wie in der Nazizeit"«
Am anderen Ende der Skala ist vor allem die Verletzung zu beachten, die sich
aus den verbalen Angriffen ergeben kann. Diese Erlebnisse sind unter dem
Gesichtspunkt von psychischer Gewaltanwendung anzusehen.
»Scheißausländer« bzw. »-Türke« oder »Kanake« wird am
häufigsten gehört, aber auch »Neger«, »Ausländersau«,
»Dreckspack«, »Kamel-« bzw. »Elefantentreiber«,
»Messerstecher« und »Knoblauchfresser«. Ein italienisches
Kind wird vom Lehrer »Pizzabäcker« betitelt. Außer verschiedenartigen
Aufforderungen, auszureisen, bzw. Drohungen mit Abschiebung, wird auch der
Hitlergruß gezeigt, es wird von »verbrennen« oder »man müßte
Streichhölzer haben« gesprochen. Auch von Ausländerwitzen wird
berichtet.
Das Angreiferspektrum geht von Nachbarn, Mitschülern, Kollegen bis zu
Betrunkenen, »alter Dame«, Polizisten.
Daß 45% der Befragten die Frage "Haben Sie Angst, Opfer von Gewalt zu
werden?" positiv beantwortet haben (s. Anhang A, Frage 8) wird angesichts
dieser Erfahrungsberichte verständlich. Wir ordnen auch folgende Beispiele
der Angst zu, bei denen der Betroffene sie für seine Person zwar ausschließt,
aber aus Gründen, die nicht deren grundsätzliche Berechtigung in Frage
stellen: »[Keine Angriffe seitens der Nachbarn] ich bin ja relativ groß.«,
»[keine Angst] weil ich stark bin. «
Strategien zur Gegenwehr bzw. zur Selbstwerterhaltung werden nur ganz selten
erwähnt: »Am Anfang, später haben wir uns gewehrt.« Es kommt aber auch
vor, daß ein von Skinheads angegriffener Mann aus Angst nicht zum Gericht
geht.
Benachteiligung
In diesem Erlebnisbereich spiegeln sich viele der objektiven Benachteiligungen
wider, die als solche aus anderen Quellen schon bekannt sind. Die
Wohnungssuche, das Lernen in der Schule, die Arbeit, alles gestaltet sich
schwieriger, bei Ämtern, Polizei, Ärzten, Versicherungen hat man mehr
Probleme, und oft das Gefühl, ganz gezielt zurückgesetzt zu werden.
Detailliert werden wir dies in der Behandlung der einzelnen Lebensbereiche
darlegen. Hier führen wir nur ein Beispiel vor, das zeigt, wie umfassend
dies das Leben prägen kann:
»In der 7. Klasse begann ich, das Gymnasium zu besuchen, und war die
einzige Ausländerin in der Klasse. In dem Alter wird man noch durch das
Elternhaus stark beeinflußt. Ständig wurden Ausländerwitze erzählt, und
ich wurde aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen. Zu Hause glaubte
mir keiner. Da ich auch nicht wollte, daß mein Vater sich beschwert,
verharmloste ich alles, bis es eines Tages nicht mehr zu vermeiden war.
Die Lehrer meinten, daß solche ,Sachen in dem Alter passieren würden und
drohten den Schülern, den Eltern Bescheid zu sagen. Den Tag darauf erhielt
ich von den Schülern eine Schachtel Pralinen, sozusagen als Wiedergutmachung
für die letzten beiden Jahre. Da der Direktor die Situation für einen
Klassenwechsel nicht angemessen hielt, verließ ich die
Schule. «
Atmosphärische Ausgrenzung
Auch wenn die unmittelbaren Folgen für die Person weniger gravierend
erscheinen, ist die Bedeutung dieses Bereiches als Quelle von
Mißverständnissen und tiefgehenden Zerwürfnissen, und somit für die Festigung
der Spaltung der Gesellschaft, nicht zu unterschätzen. Die hier zitierten
einzelnen Aussagen sind Indikatoren einer gesellschaftlichen Wirklichkeit,
die sich in der Ebene der Gefühle abspielt.
Es kommen Ausdrücke von allgemeiner Ablehnung vor: »Ich wurde eben wie
eine Ausländerin behandelt.«, oder: »Die Deutschen beobachten mich
wie eine Null, und die Augen der Deutschen stören mich, weil sie mit Haß
gucken .« und noch »Das ist eine allgemeine Meinung von den meisten
Deutschen (gegen Ausländer zu sein) in Vergangenheit, Jetzt und
Zukunft. «
Die meisten Aussagen beschränken sich auf spezifische Bereiche. Eine erste
Dimension besteht aus den Vorurteilen, denen sich die Menschen ausgesetzt
sehen. Im Wohnungsbereich sind es die Kinder, die besonders zahlreich und
besonders unruhig sein sollen: »Der Name reicht schon! Ausländer haben
zu große Familien, es gibt Unruhe.«, »Der Vermieter meinte, mit türkischen
Kindern gäbe es Probleme.« auch dann, wenn diese Kinder noch nicht
geboren sind: »Bei der Wohnungsvergabe haben sie mir vorgeworfen, daß
ich später viele Kinder haben werde. «
Darüber hinaus » ... "Ausländer halten sich nicht an die Hausordnungen,
sie machen alles kaputt. "«
Besonders folkloristisch sind die Vorurteile über türkische Frauen und
Familien:
»Sie denken, ich bin ein 'armes' Mädchen, weil ich Türkin bin und
unterdrückt werde, obwohl das nicht stimmt. Aber wenn man es ihnen
klarmachen will, wird immer wieder gesagt: " Du hast ja Glück gehabt" oder
"Es gibt ja viele türkische Familien, in denen Töchter unterdrückt werden,
du bist anscheinend eine Aufnahme" «
»Zimmersuche in einer Wohngemeinschaft: Nachdem ich mich im
Vorstellungsgespräch vorgestellt habe und gesagt habe, daß ich Türkin bin,
fragte mich ein Bewohner der WG: "Bei Türken weiß man ja nicht, wenn Dein
Vater öfter vorbeikommt und Randale macht?" Vorurteile! Es gibt einige
Fälle, die vielleicht so sind, aber man soll nicht von einigen
ausgehen!«
»...Schließlich war eine Familie bereit, uns (ein Ehepaar) eine Wohnung zu
vermieten, weil ihre Schwiegertochter eine Arbeitskollegin meiner Schwester
war und sie davon überzeugte. Trotzdem befragten sie uns sehr lange, z.B.
wie wir unsere Wohnung einrichten werden!! ob wir auch Stühle und Tische
benutzen...«
Mehrmals spüren sie, daß man ihnen kriminelle Handlungen unterstellt, Dealen
oder Diebstahl. Es wird einer im Amt gefragt »"Haben Sie hier schon mal
geklaut?"« oder: »Das Ausländeramt stellte dem deutschen Mann die
Frage, als er für seine philippinische Frau Papiere beantragte, ob er Zuhälter
sei. «
Die Adressenangabe wird einem Mann nicht geglaubt, einer Frau wird
vorgeworfen, daß sie sich beim Arzt vorgedrängelt habe, oder einer Familie
wird unterstellt, daß sie zu Unrecht zu einer Wohnung kommen konnte. Ein
Arzt wirft einer Frau mangelndes Kostenbewußtsein vor »" Wissen Sie wie
teuer Krankenhaus ist?" « oder das Arbeitsamt: »" Wollt ihr nicht
arbeiten?"«
Noch häufiger sind Erfahrungen von Distanz, Ablehnung, Unfreundlichkeit,
Arroganz, die so häufig berichtet werden, daß man nur einige besonders
aussagekräftige Beispiele aussuchen kann:
»Mit 16 Jahren, als ich die Aufenthaltserlaubnis beantragt hatte, wurde
ich zum Ausländeramt gebeten. Erst nach einem persönlichen Gespräch, bei dem
der Beamte feststellen sollte, ob ich die deutsche Sprache beherrsche und ob
ich genügend in die deutsche Kultur 'integriert' bin, sollte ich die
Aufenthaltserlaubnis genehmigt bekommen. Das Witzige war nur, daß der Beamte
alle meine Unterlagen vorliegen hatte, aus denen hervorging, daß ich in der
Oberstufe in der 11 war und Deutsch als Leistungskurs belegt hatte und meine
Noten relativ gut waren. «
»Ich habe leider einmal vor 5 Jahren, als ich neu in Deutschland war und
nicht so gut Deutsch gesprochen habe, schlechte Erfahrungen machen müssen, und
zwar im Bus. Ich sitze auf meinem Platz, da steigt ein deutsches Mädchen ein
mit einer Blumenvase und zwei Tüten in der Hand. Ich bin aufgestanden und
wollte ihr einfach helfen und ihr die Taschen aus der Hand nehmen. Daraufhin
ist sie sehr böse geworden und hat mir fast eine geklebt. Ich verstehe immer
noch nicht warum? «
»Einmal hat sich eine Person nicht mehr weiter mit mir unterhalten,
nachdem ich ihr gesagt habe, woher ich aus Asien bin. Sie meinte, die
Mentalität ist zu verschieden um z.B. weiter zu reden. «
»Ich und meine Freundinnen (sie tragen Kopftuch, ich nicht) wollten an
einer Aktion gegen Tierversuche mitmachen und unterschreiben. Jedoch 'durften'
wir nicht, weil wir Ausländer waren. «
Eine von Afrikanern mehrmals berichtete Erfahrung scheint zu sein: » Wenn
man als Schwarzer in der Bahn sitzt, setzt sich niemand neben einen, auch
wenn es voll ist.«, aber sogar: » Wenn ich in der Bahn sitze, sagen
einige: " Steh mal auf; der Sitzplatz ist für Deutsche "«
Es ist auch nicht möglich, auf all die vielen Beispiele von unterschwelliger
Ablehnung durch Bemerkungen, Blicke, Körperhaltung usw. einzugehen die
manchmal auch nur gespürt oder geahnt wird, ohne sie belegen zu
können: »vor einiger Zeit haben Arbeitskollegen mir nahegelegt,
Deutschland zu verlassen. Beim Thema Ausländer werden unterschwellig
negative Bemerkungen gemacht. «
»Ja, die Blicke der 'Anderen', weil man dunkel ist, egal, wo man geht
oder steht. «
»Obwohl sie im Hintergrund so Gefühle haben, zeigen sie das nicht
offen. Die meisten versuchen sich freundlich zu zeigen, aber sie haben
immer noch Vorurteile. «
Einen besonderen Gesichtspunkt in dieser Ebene stellt die 'positive'
Diskriminierung dar. Dazu gehören Erlebnisse wie die
folgenden:
»Ich wurde schon mal beleidigt, und zwar mit Aussagen wie: " Wieso? Ich
mag Ausländer, z.B. schmeckt der Döner vom Türken sehr gut" Ich möchte
nicht 'gut' sein, weil ein Döner gut schmeckt. «
»Die üblichen positiven Rassismen: Tanzen, Musik- es wird behauptet ich
könne das sowieso, es läge mir im Blut. «
»Die denken, ich bin sehr sensibel oder habe Temperament, weil ich
Ausländer bin .«
»"Weiß du das, die Türken sind schlecht, aber du bist anders, nicht
mißverstehen bitte!". «
4.2. Lebensbereiche
Von den Lebensbereichen ist die Wohnungssuche einer der Brennpunkte.
In dem Bereich haben wir auch die zweitgrößte Anzahl an Beispielen. Meistens
geht es auch um handfeste Benachteiligungseindrücke. Es sind sehr viele, die
berichten, daß Ausländer offen, und manchmal sehr schroff abgelehnt
werden (»"Schon wieder Ausländer..."«, »"Ausländer brauche ich nicht!"«,
»Per Telefon sagen mir viele Deutsche "Scheiß Schwarze". Andere sagen mir,
daß sie die Schwarze nicht mögen «). Man kann auch nicht annähernd alle
die Beispiele erwähnen.
Die Nationalität wird abgefragt, Ausländer haben zu viele Kinder, sind nicht
reich, nicht ordentlich genug: »Die zur Verfügung stehenden freien
Wohnungen wurden nicht an uns vermietet, da wir Ausländer sind. Auf die
Frage, warum es so ist, bekamen wir folgende Antworten: "Ausländer halten
sich nicht an die Hausordnungen, sie machen alles kaputt, deshalb möchten wir
keine neuen Wohnungen an sie vermieten "«.
Häufig sind Ausflüchte bzw. ist die Wohnung sofort schon weg, wenn die
Ausländer-Eigenschaft festgestellt wird: »Die Vermieter sind einfach zu
fein, um Bewerber kennen zu lernen. Die haben direkte Vorurteile, Bewerber
TÜRKE " ah nee ", " leider die Wohnung ist vergeben", halbe Stunde später
habe ich dieselbe Wohnung durch unsere Bekannte fragen lassen, sie hat
Besichtigungstermin bekommen. «
»Sobald sie den Namen hören, ist die Wohnung schon vergeben. Z.B. am
Telefon sagte sie, es ist noch zu haben, wo ich bei ihr in der Wohnung war,
meinte sie, es wäre schon weg Ca. 15 min, da frage ich mich, wie schnell das
ging. «
Der Weg, um eine Wohnung zu finden, ist durch besondere Hindernisse
gepflastert:
»Meine Eltern brauchten dringend eine größere Wohnung. Eine ältere
Dame, deren Enkelin ich kannte, hatte ein Haus, in dem sie Aussiedlern
Wohnraum zur Verfügung stellte. Als sie von uns hörte, daß wir Türken sind
und islamischem Glauben angehören, lehnte sie es ab, an uns zu vermieten.
Auf Wunsch der Enkelin setzten wir uns dennoch zusammen und sie bot uns
an, falls sie keinen anderen fände, würde sie auf uns zurückgreifen. Heute
leben meine Eltern in der Wohnung und sind ihr auch noch dankbar. Jedes
mal, wenn man umzieht muß man sich profilieren. Man muß als Ausländer
beweisen, daß man genauso Mensch ist wie alle anderen auch. Auch wenn
Türen vor meiner Nase zugeschlagen werden, versuche ich es mit Geduld. Nur
irgendwann ist der Punkt erreicht, wo ich meine, daß die Hemmung gegenüber
dem 'Fremden' aufgehoben sein muß und Menschen mir genauso offen
gegenübertreten wie ich ihnen«
Auch in Studentenwohnheimen treten Probleme auf, »weil sie als
Ausländische Studenten aus dem Wohnheim ausziehen müssen, wenn sie auch
nur eine Prüfung nicht bestehen. «
Zusätzlich zu der Belastung, die die Wohnungssuche für die gesamte
Bevölkerung darstellt, erzeugen solche Erlebnisse einen ganz erheblichen
Druck.
Wenn beim Nachbarschaftsbereich 11% der Befragten angeben, daß sie
keine deutschen Nachbarn haben, und von denen, die sie haben, noch 16%
ankreuzen, daß sie "nie" mit ihren Nachbarn zu tun haben, so ist das
wahrscheinlich ein Indikator für Gettoisierung. Schwieriger zu interpretieren
ist die Aussage, daß man nur "wenn nötig" mit ihnen zu tun hat (49%), da
dies vermutlich auch dem normalen Verhalten der Gesamtbevölkerung in der
Großstadt entspricht (s. Anhang A, Frage 2).
Aus den nicht sehr zahlreichen Beispielen kann man für diesen Bereich
physische Angriffe und Beschimpfungen (wir haben sie schon oben bei der
aggressiven Ebene erwähnt) aber auch regelrechtes Mobbing
herauslesen:
»Seit 5 Jahren geht es bergab. Nachbarn haben andere Ausländer zum
Ausziehen gezwungen. Theater mit seinen Kindern im Hof. «
»Wenn irgendwas kaputt geht, glaubt man immer zuerst, daß es die
Ausländer sein müssen. Rufen zu schnell die Polizei, wenn man zu viel
Besuch hat und es etwa zu laut wird. Die Deutschen gehen sich immer beim
Vermieter beschweren, daß die Ausländer zu viele Probleme
verursachen. «
Es fehlen aber nicht einige positive Erwähnungen, sogar ein Besuch in der
Türkei.
In der Schule werden sprachbedingte Lernprobleme eher durch
abweisendes Verhalten von Lehrern (10 Erwähnungen) als von Mitschülern
(2 Erwähnungen) verstärkt:
»Schwierigkeiten durch mangelnde Sprachkenntnisse. Sie [Lehrer]
nehmen sich nicht so viel Zeit wie für Deutsche. «
»Die Fragen von uns [Ausländern] wurden nicht beantwortet. Einige Lehrer
machten sich sogar darüber lustig. Doch jede blöde Frage, die von den
deutschen Schülern kam, wurde beantwortet. Ihnen wurde von jeder Sicht
Hilfe geleistet. Sie bekamen sogar die besseren Noten, obwohl einige dies
absolut nicht verdient hatten. «
»Angegriffen wurde ich von einigen meiner Mitschüler, weil ich als
Ausländerin bessere Noten bekam als sie. Sie haben mir die guten Noten
einfach nicht gegönnt. Aus Eifersucht haben sie dann versucht, die
Antworten, die ich im Unterricht gab, vor dem Lehrer ins lächerliche zu
ziehen, obwohl die Antworten, die ich gab, themenbezogen
waren. «
Die Befragten strichen aber auch positives, hilfreiches Verhalten eher bei
Lehrern und Dozenten als bei Mitschülern heraus.
Im Arbeitsbereich beklagen Ausländer am häufigsten verschlechterte
Arbeitsbedingungen oder Verweigern von Rechten:
»...Mein Vorgesetzter erschwerte meine Arbeit gezielt dadurch, daß ich
eine Arbeit verrichten soll, bei der ich keine Unterstützung
bekomme. «
»Wir [Ausländer] wurden öfters für Arbeiten eingeteilt, die kein
deutscher Kollege machen wollte. Wir wurden per se für die schwierigen
Arbeiten eingeteilt. «
»Der Vorarbeiter sagte, er müßte mehr arbeiten als andere Kollegen.
Andere Kollegen dürfen häufiger eine Pause machen. Bei seinen Kollegen wird
häufiger ein Auge zugedrückt, wenn etwas nicht in Ordnung ist und bei
ihm nicht. «
»Nur schwere Arbeit. Ich muß tun, was Deutsche nicht machen. «
»Trotz Allergiepaß wurden ihm Arbeiten angewiesen, die er nicht ausführen
kann.«
»Ich hatte als Student einen Teilzeitjob gehabt und ich wurde von dem
Chef/Firmavorarbeiter hart ausgenutzt. Z.B. mußte ich die schwersten Arbeiten
tun/erledigen.« »Es gibt die Einstellung, daß die Ausländer nicht die
gleichen Rechte wie die deutschen Arbeitnehmer haben. Ich arbeite in den
Semesterferien. Das sind begrenzte Zeiten. Da habe ich immer Schwierigkeiten,
wenn ich einen Arbeitsvertrag verlange. Die meinen, daß ich kein Recht
habe, weil ich als Aushilfe arbeite. Aber in der gleichen Situation bekommen
die deutschen Studenten ihren Arbeitsvertrag.«
»Ich werde von meinem Meister bzw. den Gesellen oft für 'Bring und
Hol-'Tätigkeit eingesetzt Ich werde unzureichend angelernt bzw. ausgebildet.
Habe das Gefühl, daß ich im Gegensatz zu anderen deutschen Lehrlingen
mißbräuchlich behandelt werde. «
»Wenn es um gleiche Arbeit oder Entlohnung (Bezahlung) ging, war es für
deutsche Kollegen einfacher, sie zu bekommen.«
Hierzu gesellt sich unfreundlicher Umgang oder Abgrenzung seitens der
Kollegen:
»Bei der Arbeit werden deutsche Arbeitnehmer freundlicher, zuvorkommender
und nachsichtiger behandelt als Ausländer. In den Pausen loben sich deutsche
Arbeitnehmer gegenseitig: "Herr ... ist ein guter Deutscher. Im Gegensatz zu
anderen Völkern der Erde ist er sauberer, gründlicher, ehrlicher als
andere. "«
»Vor einiger Zeit haben Arbeitskollegen mir nahegelegt, Deutschland zu
verlassen. Beim Thema Ausländer werden unterschwellig negative Bemerkungen
gemacht. Deutsche Arbeitnehmer sitzen in den Pausen bewußt so zusammen,
daß ausländische Arbeitnehmer keinen Platz dort haben. Deutsche Arbeitnehmer
machen abfällige Bemerkungen über Ausländer. «
Auch die Arbeitsuche gestaltet sich mehrmals sehr schwierig, wozu auch die
besonderen Hindernisse durch das Arbeitsamt hinzukommen können: »Ablehnung
[der Arbeitserlaubnis] immer bei drei Monaten Aufenthalt schon seit 6
Jahren.«
Gegenteilige Erklährungen sind eher selten: »Kollegen sind super. «
Der Bereich der persöhnlichen Freundschaften birgt die meisten Chancen von
Integrationen. Logischerweise sind hier die wenigsten negativen Erfahrungen
und negativen Beispiele erwähnt. Von Freunden erwartet man im allgemeinen,
daß sie keine Vorurteile haben »sonst wären sie nicht meine
Freunde. «
Immerhin konnten die 17%, die behaupten, keine deutschen Freunde zu haben,
so wie auch einige Antworten auf die Frage 'warum nicht', bei denen negative
Aspekte überwiegen (s. Anhang A, Frage 5) auf Gettoisierung und
Selbstgettoisierung hinweisen.
Man arbeitet daran, diese Voruteile abzubauen: »Bis sie uns richtig
durchschaut haben, hatten sie Vorurteile gehabt. Wir haben das nicht direkt
zu spüren bekommen, aber man verstand das. Im Nachhinein hat sich das alles
verändert, manche Freunde haben sogar zugegeben, daß sie Vorurteile
hatten.«
Der Ämterbereich ist der Ort, wo die Befragten die Berührung mit der
institutionellen Diskriminierung und mit der Durchbürokratisierung ihres
Lebens erfahren. Mangelhafte Kenntnisse der bürokratischen Verfahren,
Sprachschwierigkeiten und unter Umständen auch diskriminierendes Verhalten
seitens einzelner Amtsinhaber können noch dazu kommen.
»Bei dem Ausländeramt kommt es sehr oft vor. Da wird erstmals die
Abschreckungspolitik versucht. Wenn man da zeigt, da,ß man von seinen
Rechten Ahnung hat, dann geben sie nach.«
Studenten aus Afrika berichten »Die Aufenthaltserlaubnis wird immer nur
eine Woche erneuert, aus Angst, daß Geld von der Heimat nicht mehr kommt.
Jeden Monat müssen sie Kontoauszüge zeigen, uns manchmal Probleme macht, weil
die Eltern nicht so reich sind und das Geld zu schicken schwer ist. Die
Beamten verstehen nicht, daß Banken aus dem Ausland nicht so funktionieren.
Zu viele persönliche Fragen. Man fühlt sich wie... Es wird immer wieder die
Finanzierung bezweifelt«
Wie in den Ankreuzfragen (s. Anhang A, Frage 6) wird auch in den konkreten
Beispielen das Ausländeramt am häufigsten erwähnt, gefolgt vom
Arbeitsamt.
Auch für andere öffentliche Stellen bestätigt sich die Tendenz der
Ankreuzfragen (s. Anhang A. Frage 6): Polizei, Versicherung. Bank und
Arzt werden am häufigsten erwähnt. Die Polizei wird als grundlos streng oder
ungerecht empfunden. Wie bereits aus der Presseberichterstattung bekannt,
berichten die von uns Befragten von Schwierigkeiten bei der Versicherung
von Ausländern. Bei Ärzten gibt es als übertrieben lange empfundene
Wartezeit und Behandlungsweigerung:»Eine ältere Frauenärztin z.B. weigerte
sich einmal, mich zu behandeln« oder:
»Ich habe die Erfahrung gemacht, daß gewisse Ärzte ausländischen Frauen
die Hand nicht geben, sich extra in ihrer Fachsprache ausdrücken, so daß
der/die Ausländer den Arzt nicht verstehen können. Arzte geben sich bei
ausländischen Patienten nicht viel Mühe, sie zu heilen.«
Öffentlichkeit: Die numerischen Daten (s. Anhang A, Frage 7 und 8) so
wie auch schon die hohe Zahl an Beispielen zeigen uns, daß dies ein besonders
belasteter Bereich für Ausländer ist.
Straße, Bus und Bahn, Bahnhöfe und Haltestellen, Geschäfte. Kneipen. Schwimmbad,
Diskothek, Tankstelle sind Orte, von denen Vorkommnisse gemeldet werden.
Physische Angriffe und Beleidigungen finden am häufigsten in der Bahn, in
Bussen und auf der Straße statt, seltener in Kneipen. Eine Frau wurde sogar
während unserer Befragung beschimpft.
Den zahlreichen Beispielen, die wir schon oben angeführt haben, möchten wir
hier einige hinzufügen, wegen der Eskalation, die sie dokumentieren:
»Wir wurden schon oft mit "Scheißtürken", " Wir werden euch
verbrennen", " Wir haben die Juden vergast und jetzt seid ihr dran"
beschimpft. Wir reagieren auf solche Äußerungen auch ziemlich aggressiv und
es kommt dabei zu Handgreiflichkeiten. Die Polizei, wenn sie auftaucht,
nimmt meistens uns mit und hört gar nicht, was wir zu unserer Verteidigung
sagen. «
»In der U-Bahn: einige Leute hatten ihre Füße auf den Sitz gelegt und
gesagt, Ausländer dürften hier nicht sitzen. Es kam zum Angriff, er hatte
blutiges Gesicht, der ,Straßenbahnfahrer reagierte nicht. Im Krankenhaus
wurde Röntgenaufnahme gemacht. Die Polizei konnte die Täter
ermitteln. (Solidarität von) Arbeitskollege, aber niemand am
Ort. «
Eine wichtige Frage war, inwiefern Erfahrungen von Solidarisierung bzw.
positiver Hilfestellung diesen negativen Erfahrungen gegenüber stehen. Das
haben wir im Öffentlichkeitsbereich als Ankreuzfrage erfaßt. Von denen, die
auf die Frage über Gewalt in der Öffentlichkeit positiv geantwortet haben,
kreuzten 35% die Frage nach Solidarisierung seitens der Deutschen positiv
an.
In den Beispielen wird diese Solidarisierung vergleichsweise selten
erwähnt:
»Sie saß im Bus und jemand sagte, warum die Ausländer nicht alle
laufen. Da hat jemand eingegriffen und gesagt, er solle selbst
laufen.«
»Meine Schwester wurde 'angegriffen' von einer alten Dame. Ich muß zugeben,
daß zwar meistens ältere Menschen besonders jugendliche Ausländer
beschimpfen, aber auch ältere Menschen diese verteidigen.« </i>
»Einmal im Zug nach Aachen [?] von Neonazis angegriffen. Ein junger
Deutscher ist sofort verschwunden und hat den Schaffner benachrichtigt
und dieser die Bahnpolizei.«
Leider überwiegen eher Erwähnungen von mangelnder Solidarität:
»Ich wurde von einem Deutschen in der Straßenbahn regelrecht
niedergemacht. Er sagte zu mir Ausdrücke und meinte, daß ich mir
nichts einbilden solle. Meine eigenen deutschen Freunde haben mir
nicht geholfen. «
»Die Deutschen halten sich alle raus. «
(Nachdem der Befragte im Bus von Jugendlichen angepöbelt und bedroht
wurde) »Haben nur zugeguckt .«
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