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Asylbewerberzahl steigt weiter an

Es zeichnet sich ab, dass die städtischen Flüchtlingsunterkünfte voraussichtlich immer noch nicht ausreichen werden. Die Verwaltung stellt ein neues umfassendes "Flüchtlingskonzept" in Aussicht.

Ab jetzt wird massiv argumentiert, einige Flüchtlinge kämen nur, um Sozialleistungen zu erhalten, und die Stadt könnte sich dagegen schützen, indem sie keine "falschen Anreize" schafft. Die rassitische Untertöne tragen ihre erste giftige Früchte: Ein erster Versuch von Pro NRW, ihre rassistische Hetze vor die Flüchtlingsheime in Essen-Haarzopf zu bringen (09-03-2013), trifft allerdings auf eine starke Gegendemonstration von Essen-stellt-sich-Quer und andern Kräften.

Aber auch mehr Stimmen für die Menschlichkeit werden laut.


Inhaltsverzeichnis

WAZ 14.05.2013 Armutsflüchtlinge bleiben länger

WAZE14-05-2013Unterkunft.jpg

WAZ / Essen,Dienstag, 14.05.2013

"Armutsflüchtlinge bleiben länger "

Der finanzielle Anreiz ist nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2012 gestiegen: Es gibt geringere Bereitschaft zur Rückkehr. Setzt sich der Trend fort, fehlt es laut Stadt bald an Unterkünften


Von Marcus Schymiczek

121,13 Euro mögen zum Leben zu wenig sein und zum Sterben zu viel. Doch eben diese Summe, um die das Bundesverfassungsgericht 2012 die finanziellen Leistungen für Asylbewerber und Flüchtlinge höchstrichterlich angehoben hat, ist für viele Betroffene offenbar Anreiz genug, so lange in Essen zu bleiben wie nur eben möglich. Auch wenn die Chancen auf einen dauerhaften Aufenthalt gen Null tendieren.

Dieser Schluss liegt nach Auffassung der städtischen Sozialverwaltung beim Blick auf die aktuellen Belegungszahlen der Übergangswohnheime nahe. Derzeit seien dort 540 Personen untergebracht — das sind deutlich mehr als 2012 und 2011 mit 487 beziehungsweise 449 Personen. Auch in diesem ]ahr stellen Bewohner aus Serbien und Mazedonien, die der Volksgruppe der Roma angehören, wieder die größte Gruppe.

Sollte sich dieser Trend bestätigen, stellt sich für die Stadt um so drängender die Frage, wo sie die Menschen unterbringen soll. Im Kupferdreher Ortsteil Dilldorf wurde inzwischen eine ehemalige Schule soweit umgebaut, dass dort bis zu 80 Menschen eine Bleibe finden könnten. Dann aber, so heißt es, wären die Kapazitäten erschöpft.


„Wir müssen zu fairen Lösungen kommen“ Peter Renzel über falsche Anreize


Dass es sich bei den asylsuchenden Roma aus den beiden Balkanstaaten nahezu ausschließlich um so genannte Armutsflüchtlinge handelt, gilt nach Einschätzung der Behörde als ausgemacht. Sozialdezernent Peter Renzel hatte sich davon vor Ort auf einer Informationsreise der Caritas nach Belgrad und Skopje überzeugen können. Wobei sich der Eindruck verfestigte, dass es nicht die Ärmsten der Armen seien, die den Weg nach Essen finden, ist aus Delegationskreisen zu hören.

Deutschland und die deutschen Städte seien „Teil des Problems als auch der Teil der Lösung“, ließ Renzel nach seiner Rückkehr verklausuliert verlauten. Und weiter heißt es: Die Gesprächspartner vor Ort hätten „die hohen Geldleistungen als einen kritischen Anreiz für Armutswanderung beklagt“. Eine Einschätzung, die im Rathaus durchaus geteilt wird. Auch vor diesem Hintergrund kündigt die Sozialverwaltung bis zur Sommerpause Vorschläge an, wie die Stadt der beschriebenen Armutswanderung begegnen will.

Denn das Problem, so heißt es, dürfte sich weiter verschärfen, wenn Roma aus Rumänien und Bulgarien als EU-Bürger von ihrem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch machen und sich auch in Essen niederlassen. Die Bereitschaft, freiwillig in die Heimat zurückzukehren, könnte dann noch geringer ausfallen als heute bei Asylsuchenden und Flüchtlingen. 234 Personen konnten in diesem Jahr von der Ausländerbehörde „überzeugt“ werden, das Land wieder zu verlassen. Acht Personen wurden abgeschoben, 13 tauchten vorher unter.
Bildunterschrift:
Diese ehemalige Schule im Kupferdreher Ortsteil Dilldorf könnte bis zu 80 Personen aufnehmen. FOTO: ALEXANDRA ROT

Link zu: Pro NRW in Essen-Haarzopf am 09. März 2013

Die Berichterstattung über dem Widerstand gegen den Aufmärsch der Populisten von Pro NRW am 09. März 2013 vor dem Flüchtlingsheim auf'm Bögel (Haarzopf) findet man bei Essen-stellt-sich-quer .


EssenerMorgen2013-01 „...sie verkaufen ihre Betten und schlafen im Stroh“

ESSENER_MORGEN_01-2013S9.jpg

Essener Morgen / Essen, 01-2013

„...sie verkaufen ihre Betten und schlafen im Stroh“

Flüchtlinge in Essen.


Vorurteile gegenüber „Zigeunern“ kennt jeder und hat vielleicht jeder. Als meine Mutter Kind war, hieß es Zigeuner stehlen die Wäsche von der Leine. Heutzutage heißt es auf einer Bürgerversammlung in Essen Haarzopf, Roma klauten Pflanzen aus den Vorgärten und zerwühlten den Müll. Dass Roma Diebesgesindel sei, welches in Großfamilien nach Deutschland kommt, um auf Kosten des heimischen Steuerzahlers zu überwintern und satt und zufrieden in die Heimat zurückzukehren, den Sommer über zu faulenzen und zu klauen und dann erneut bei uns einzukehren, um die erhöhten Asylsätze abzugreifen. Das klingt zugegebenermaßen überspitzt,spukt aber augenscheinlich schemenhaft in vielen Köpfen.


Von Anabel Jujol

Man hört es an Fragen wie: „Was kostet eigentlich so ein Flüchtling?“ Roma-Flüchtlinge machen deutschen Bürgern Angst. Sie fürchten um ihre Koniferen, die ruhige Nachbarschaft und den Zustand ihrer gelben Tonne. Das muss man ernst nehmen, denkt die Stadtverwaltung und schickt den Sozialdezernenten auf eine undankbare Tournee durch betroffene Essener Stadtteile, vornehmlich im gut situierten Süden. Er soll die besorgten Bürger informieren über Erweiterungen von Asylunterkünften, aktuelle Zahlen, Bürgertelefone und weitere geplante Sicherheitsmaßnahmen. Unterstützt wird er von Vertretern der lokalen Polizeistationen. Nein, antwortet der Polizist auf die Frage eines Bürgers, es gibt keine besonderen polizeilichen Vorkommnisse in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften. Das hilft leider gar nicht, um die ach so ängstlichen, vor allem aber aufgebrachten Bürger in Kupferdreh zu beruhigen. Auch ich bin aufgewühlt und empört.

In Haarzopf findet die Versammlung in einer Kirche statt. Dass dort niemand in Sorge ist, wegen medizinischer Versorgung oder hygienischer Bedingungen oder überhaupt die Zustände der Unterbringung hinterfragt, bringt mich zu der Frage, die ich laut stelle: „Heißt ‚christliche Sorge‘ Sorge um sich selbst?“ Just am Martinstag rufen in Kupferdreh aufgebrachte Anwohner und eine Hand voll rechtsextremer Jungspunde zu einer Kundgebung auf, bei der sie Lichter anzünden wollen, gegen den Umbau einer alten Schule zu einer Flüchtlingsunterkunft.

Wenige Wochen zuvor haben sich ebenfalls bei einer Bürgerversammlung in Essen-Schönebeck die Gemüter erhitzt. Anwohner machen ihrem Ärger Luft, dass die Turnhalle der Anne Frank Schule kurzfristig für begrenzte Zeit als Übergangslager für Roma-Flüchtlinge aus Serbien und Mazedonien dienen soll. Unbehagen stellt sich bei einigen ein, als sie aus ganz rechter Ecke unterstützt werden.

Am 19.Oktober rufen Nazis zu einer Demonstration gegen die Roma-Flüchtlinge in der Lohstraße auf. Es gibt eine Gegenveranstaltung der Antifa. Ich treffe mich mit ca. 30 Demonstranten zu einer Solidaritäts-Kundgebung vor dem Eingang zur Turnhalle unter dem Motto „A-Roma-B-raus-E: Menschenliebe statt Fremdenhass“. Tags zuvor hat mir der Leiter des DRK, welches die Unterbringung maßgeblich organisiert, erzählt, dass vermutlich Kinder die Kreideparole vor der Schule kurzfristig umgetextet haben. Ein schönes Motto für eine Demo, finde ich.

Wir sind nicht viele, aber halten Reden, kommen mit den Anwohnern ins Gespräch - hinterlassen Kreidebotschaften.

„Occupy“ heißt für menschliche und aufklärerische Werte einzustehen. „Menschen vor Profit“ ist einer der Leitsprüche der Bewegung. Sich für Flüchtlinge einzusetzen, ist für viele Occupy-Aktivisten eine wichtige Aufgabe. In Berlin sind es hauptsächlich Occupy-Aktive, die die Flüchtlingsproteste am Brandenburger Tor unterstützen. Es ist für viele von uns ein Hauptmotiv, Veränderung von sich selbst zu erwarten.

In den kommenden zehn Tagen besuche ich fast täglich die 60 Flüchtlinge, die auf Feldbetten in der Turnhalle untergebracht sind. Zunächst spiele und male ich mit einigen der ca. 20 Kinder, dann lerne ich nach und nach die Mütter und Väter kennen. Einige sprechen Deutsch oder Englisch. Nach einigen Tagen erfasse ich die Lage in der Turnhalle ansatzweise. Am meisten fehlt es an Kommunikation von behördlicher Seite.

Während draußen am Tor, von hilfsbereiten Anwohnern, zahlreiche Kleider- und Spielzeugspenden abgegeben werden, kommt nur ein Bruchteil in der Turnhalle an. Der Rest wird aus Brandschutzgründen am dritten Tag mit DRK Wagen abtransportiert. Eine Mutter steht mit ihrem Kind am Tor und möchte ein Kuscheltier verschenken, wird aber abgewiesen, weil das Wachpersonal Anweisung hat, keine Spenden mehr anzunehmen. Dabei mangelt es an einfachen Dingen. Spricht man mit den Menschen und fragt was ihnen fehlt, wünschen sie sich Waschmittel und Leinen, weil sie die Kleidung mit der Hand waschen. Sie fragen nach Obst, weil es doch morgens und abends immer Brot und Salami gäbe und einige der Kleinkinder bereits Verstopfung hätten. Auch beim Mittagessen fehlt es an Gemüse. Putzmittel wünscht sich eine junge Frau. Die einzige Toilette wird zwar so gut wie täglich von Personal geputzt, aber bei so vielen Menschen käme es schon mal zu kleinen Katastrophen. Ich besichtige das eine Schulklo der Turnhalle, es ist sauber, aber der Geruch treibt einem die Tränen in die Augen.

Die Mütter der Babys wünschen sich gebrauchte Kinderwagen. Mithilfe einiger engagierter Helfer, darunter der 15-jährige Raphael, gelingt es uns Kinderwagen, eine Matratze für die Hochschwangere, Obst und Gemüse von der Tafel und andere Dinge zu besorgen. In den nächsten Tagen werden einige Kinder krank, leiden an Husten, Fieber, Erbrechen. Die DRK-Leute vergeben Medikamente. Ein Arzt kommt aber nicht in die Turnhalle. Erst als die Beschwerden eine Notfallbehandlung erfordern, werden die Kinder ins Krankenhaus gebracht.

Die Uhr in der Turnhalle ist stehen geblieben. Die Zeit vergeht nicht in diesem einen Raum, indem die Luft zum Schneiden ist und das Licht grell.

Der 20-jährige Leon schildert mir, wie er daheim als zigeunerisch bespuckt und seine Frau geschlagen wird, dass er keine Arbeit und keine Wohnung bekommt. Nie wieder geht er nach Serbien zurück, eher möchte er sterben. Leon träumt davon Automechaniker zu werden. Ich lerne schnell, sagt er.

Niemand von offizieller Seite spricht in diesen Tagen mit den Asylbewerbern und erteilt Auskunft über das weitere Vorgehen der Behörden. Sie wissen nicht, wie lange sie dort bleiben sollen und was die nächste Station sein wird. Das zerrt an den Nerven. Ich weiß es auch nicht, kann nur weitergeben, was ich in der Zeitung lese, dass der Aufenthalt nur bis Ende Oktober geplant sei.

Am letzten Oktoberwochenende wird die Hälfte der Flüchtlinge mit Zügen in andere Bundesländer verschickt. In Eisenhüttenstadt hat man versäumt, die Roma-Familie am Bahnhof abzuholen und zur Sammelunterkunft zu begleiten. Sie verbringen die Nacht im Freien und rufen verstört bei ihren Bekannten in der Turnhalle an. Der Rest der Flüchtlinge aus der Lohstraße wird zwei Tage später in ein überbelegtes Übergangsheim in Schöppingen bei Münster gebracht und von dort aus in NRW verteilt.

Leon, seine Frau und sein Sohn bekommen eine kleine Wohnung in einem Dorf zugeteilt. Am Telefon klingen sie voller Hoffnung, erzählen von der Anhörung in Dortmund. Am 13. Dezember kommt ein dicker Stapel Papiere mit dem Abschiebebescheid. Die Frist für eine Klage beträgt eine Woche, für die Ausreise vier Wochen. Leon war inzwischen in der Psychiatrie. Er muss starke Medikamente nehmen, um die schweren psychischen Auswirkungen einer Depression zu mildern. Er leidet an Angstzuständen, Schlafstörungen und Halluzinationen. In Serbien ist er nicht krankenversichert und hat keinen Zugang zu Medikamenten. Das ist für Roma sehr schwierig, erzählt er mir. Wenn sie abgeschoben werden, stehen sie vor dem Nichts.

Unter dem Protokoll der Anhörung seiner Frau steht der knappe Vermerk: „Nicht glaubwürdig“.


Buchtipp:

Deutschland ohne Ausländer – Ein Szenario

Ein Deutschland ohne Ausländer – eine schreckliche Vorstellung!

Ob aus staatlich- institutionellem Rassismus oder Protektionismus auf dem Arbeitsmarkt. In dem Werk lassen sich die renommierten Journalisten Matthias Thieme und Pitt von Bebenburg (beide schreiben für die Frankfurter Rundschau) gemeinsam mit Gregor Gysi, Cem Özdemir, Martin Schulz, Günter Wallraff und weitere Experten auf das Szenario Deutschland ohne Ausländer ein. Das Ergebnis wären ein vollkommener Zusammenbruch des Landes, Krieg in Europa und auf unabsehbare Zeit Deutschlands weltweite Isolierung. „Es ist immer hilfreich, solche Szenarien fiktional zu entwerfen, um das Ausmaß dessen, was geschehen würde, konkret zu beschreiben.“ (Prof. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Entwicklungspsychologe und Anthropologe)

Erschienen ist das 272-seitige journalistische Sachbuch im Redline Verlag und hat die ISBN 978-3-86881-338-8. Es kostet im Handel 19,90 Euro.

Jimmy Bulanik


Artikel zu dem Thema „Antiziganismus“, wie die Repressionen und Ressentiments wissenschaftlich definiert werden, sind in der aktuellen Ausgabe von „Blätter des iz3w“. Verschiedene Autoren nehmen das breite Themen-Spektrum von „Zigeunerromantik“ über den „weiblichen Stereotypen der Zigeunerin“ bis hin zur „heutigen Diskriminierung“ in den Fokus.

Zu bestellen unter www.iz3w.org oder erhältlich in vielen Bahnhofsbuchhandlungen.
Bildunterschrift:
 
  • Der Zeitgeist verbietet Tätovierungen: Flüchtlingen werde erfasst. Foto Anabel Jujol
  • Anabel Jujol ist Künstlerin.
  • Malangebot für Kinder.Foto Anabel Jujol

WAZ 19.12.2012 Asylbewerberzahl steigt weiter an

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WAZ / Essen,Mittwoch, 19.12.2012

Asylbewerberzahl steigt weiter an

722 Flüchtlinge sind zurzeit gemeldet


Von Janet Lindgens

Die Flüchtlingswelle aus Serbien und Mazedonien hält an: Aktuell leben derzeit so viele Menschen in den elf Asylunterkünften der Stadt wie seit 2009 nicht mehr. Aktuell sind es 722 Flüchtlinge, außerdem wurden 40 Asylbewerber mittlerweile auf Wohnungen im Stadtgebiet verteilt, teilte die Sozialverwaltung auf Anfrage mit. Allerdings sei der Zustrom seit Ende Oktober nicht mehr so stark wie noch im September und Oktober. Ende Oktober lebten 694 Flüchtlinge - vor allem Roma - in den städtischen Unterkünften. Dort wird es allerdings immer enger. Der Platz reiche gerade noch für die 722 Flüchtlinge aus. Deshalb hat die Stadt die bereits bestehende Unterkunft Auf'm Bögel in Haarzopf erweitert. Im Januar sollen dort zusätzlich 40 Menschen aufgenommen werden.

Ob auch die ehemalige Grundschule in Kupferdreh-Dilldorf zu einer Notunterkunft für maximal 80 Menschen wird, hängt laut Stadt davon ab, ob der Zustrom weiter anhält. In den vergangenen Jahren habe es im Januar und Februar weitere Flüchtlings-Wellen gegeben. Das NRW-Innenministerium rechnet in den kommenden Monaten „mit konstant hohen und weiter steigenden Flüchtlingszahlen“.
Bildunterschrift:
Im ehemaligen Jugendwohnhaus Auf'm Bögel werden im Januar Flüchtlinge untergebracht.   FOTO: ULRICH VON BORN

WAZ 22.11.2012 27 Quadratmeter Deutschland

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WAZ / Essen,Donnerstag, 22.11.2012

27 Quadratmeter Deutschland

Ihr Zuhause im Übergangsheim ist klein und karg, doch für Familie Redjepov bedeutet es Glück. In Mazedonien lebten sie in Armut und waren als Christen auch innerhalb der Roma—Gemeinschaft isoliert


Von Christina Wandt

Muso Redjepov weiß wie trügerisch Hoffnungen sein können. Der 36- jährige ist nicht zum ersten Mal in Deutschland, als Junge war er schon einmal da, mit seinem Vater. Er hat die Schule besucht, Deutsch gelernt, Freunde gefunden: „Als ich klein war, war ich in Deutschland und mein Leben war groß.“ Nach fünf Jahren war sein Glück vorbei, die Familie musste zurück ins heimische Mazedonien.

Erst hat er geweint, dann hat er sich abgefunden. Fast zwei Jahrzehnte lang. In Mazedonien konnte er keine Schule besuchen, keine Pläne machen. Muso Redjepov arbeitete als Tagelöhner, half mal dort auf dem Bau, mal da bei der Ernte, sammelte Flaschen, sortierte Müll. Das Geld reichte nie, nicht für eine vernünftige Wohnung, nicht für den regelmäßigen Schulbesuch seiner drei Kinder Menan (19), Meljani (16) und Emanuel (8).

Der Kleine sammelte Flaschen

Wenn man die Familie fragt, was sie im mazedonischen Gradsko zurückgelassen haben, ist das nicht viel. Eine elende Wohnung, in der der Strom und das Wasser meist abgestellt waren. „Das Wasser holten wir bei den Nachbarn“, sagt Musos Frau Emine (34). Sie haben das hingenommen, haben die Kinder in den Unterricht geschickt, wenn sie das Schulgeld hatten. „Dann wurden sie oft ausgeschimpft: ‚Du weißt nichts.’ oder sie wurden nach Hause geschickt, weil ihre Kleider schmutzig waren.“ Bald verließen die Großen die Schule, der Sohn lernte Elektriker, die Tochter Kosmetikerin. „Wenn wir Brot brauchten, musste auch der Kleine arbeiten, Flaschen sammeln, in den Müll.“

Es war ein hartes Leben, doch sie ertrugen es, ertrugen auch die Beschimpfungen: „Zigeuner, Scheiß-Zigeuner.“ Nur geriet die Familie dann auch innerhalb der Roma-Gemeinschaft ins Abseits: Die Eltern begannen in der Bibel zu lesen, ließen sich evangelisch taufen. „In Gradsko sind alle Roma Muslime, wir haben keine Arbeit mehr bei ihnen bekommen, mussten heimlich zur Kirche gehen, die Kinder wurden bedroht, der große Sohn traute sich nicht aus dem Haus“, sagt Redjepov. Als es unerträglich wurde,fuhren sie nach Deutschland.

Nun sitzen sie im Übergangsheim an der Worringstraße in Burgaltendorf: Eine Wohnküche, ein Schlafzimmer, eine Nasszelle, 27 Quadratmeter für fünf Personen. JedenSonntag geht die Familie zur Kirche, ansonsten füllen Behördengänge ihre Tage. Am Montag beginnt die Schule für die Tochter, der kleine Emanuel geht bereits zur Schule. Geht gern, auch wenn der Weg weit ist, weil die Unterkunft im Nirgendwo liegt. „Er ist glücklich, lernt Mathematik und Deutsch, und die Lehrer schlagen nicht. Sie sind nett und haben ihm einen Stift geschenkt.“ Niemand beschimpft sie, die Kinder haben nun keine Angst mehr. Nur Muso Redjepov hat Angst, weil er weiß, wie endlich Glück sein kann: „Ich schlafe schlecht, weil ich denke, sie holen uns ab.“


Stadt braucht neue Unterkünfte für die Flüchtlinge

  • Zehn Übergangsheime mit 700 Plätzen gibt es in Essen. Schon jetzt leben hier 715 Flüchtlinge, 2011 waren es im Schnitt 550.
  • in den 1990er Jahren lag die Zahl der Flüchtlinge viel höher. „Da waren hier nicht 700, sondern 5000 Menschen“, so Flüchtlingshelfer Dirk Berger (Diakoniewerk).
  • Zwei neue Unterkünfte will die Stadt nun öffnen, um den steigenden Flüchtlingszahlen gerecht zu werden. Zudem soll Auf'm Bögel in Haarzopf eine dritte Einheit mit 40-50 Plätzen entstehen. Keine Unterkunft liegt so abgelegen wie die Norwegerhäuser an der Worringstraße in Burgaltendorf‚ zwischen Ruhr und Gewerbegebiet.



Die Menschen kommen, um zu überwintern

Denn die Lage in ihrer Heimat ist katastrophal

Dirk Berger ist Sozialarbeiter und seit bald 20 Jahren Flüchtlingshelfer beim Diakoniewerk. Dort ist noch eine Flüchtlingshelferin beschäftigt, eine weitere gibt es bei der Caritas; zu dritt besetzen sie zwei Stellen. Zuständig sind sie für 715 Flüchtlinge, die derzeit in den zehn Übergangsheimen der Stadt wohnen. Und für 2300 Menschen, die unter das Asylbewerberleistungsgesetz fallen und in Privatwohnungen leben. Weil die Zahl der Flüchtlinge steigt, sollen zwei neue Unterkünfte geöffnet werden, sollen die Flüchtlingshelfer Verstärkung bekommen.

Es kommen vermehrt Roma und Sinti aus Serbien und Mazedonien, seit es keine Visumspflicht mehr für sie gibt. Dass sie kaum Chancen haben, als Asylbewerber anerkannt zu werden, wüssten sie. „Viele sind ja nicht zum ersten Mal hier. Doch die Lebensumstände in ihrer Heimat sind halt katastrophal.“ Dort habe sich wohl auch herumgesprochen, dass statt 220 seit diesem Jahr 340 Euro an Sozialleistungen gezahlt werden. Die Gerüchte von Schleppern hält Berger freilich für Unfug: „Die zahlen 100 Euro für ein Ticket und setzen sich in den Bus.“ In Skopje solle es Plakate geben: „Fahr’ zum Überwintern nach Deutschland“.

Es ist ein Überwintern in kargen Unterkünften, oft ist das Bad auf dem Flur. Doch die Flüchtlinge richten sich ein, ihre Kinder müssen — dürfen! — zur Schule gehen, der Unterhalt ist gesichert. „Die Leute können in der Heimat nicht arbeiten und hier nicht arbeiten. Nur: Hier sind sie krankenversichert.“

Mancher sammle nebenbei Altmetall, was die deutschen Nachbarn ebenso störe wie der Lärm. Dafür hat Dirk Berger Verständnis. „Was mich jedoch stört, ist die Erwartung vieler Bürger, dass da eine Horde Schwerverbrecher einreist.“ Er habe mit den Flüchtlingen aus aller Welt, auch mit den Sinti und Roma, nur positive Erfahrungen gemacht: „Es ist schon mal laut geworden, aber ich bin noch nie bedroht oder beklaut worden.“   wan


Prompte Ablehnung

Die allermeisten Roma haben keine Chance auf Asyl

Von Christina Wandt

Die Forderung ist so plakativ wie populär, doch Flüchtlingshelfer Dirk Berger vom Diakoniewerk kann sie nicht verstehen. „Der Bund muss die Asylverfahren beschleunigen“, hat Sozialdezernent Peter Renzel dieser Tage erklärt. Das gelte insbesondere für die Sinti und Roma, die derzeit den Großteil der Bewohner in den Übergangsheimen der Stadt stellen und praktisch keine Aussicht haben, einen dauerhaften Aufenthaltstitel zu bekommen.

„Gerade deswegen werden diese Verfahren in der Regel sehr schnell E abgeschlossen“, sagt Berger. Er wundere sich, wie da noch mehr Tempo gemacht werden solle. „Bei den Sinti und Roma aus Serbien und Mazedonien ist das in ein paar Wochen erledigt; und dann bekommen sie gegen einen ablehnenden Bescheid nur eine Widerspruchsfrist von einer Woche; weil ihr Anliegen hier zu bleiben, als ‚offensichtlich unbegründet’ gilt.“

Wenn ihr Antrag auf Asyl abgelehnt wird, machen einige der Flüchtlinge Abschiebehindernisse geltend. Das können humanitäre oder gesundheitliche Gründe sein wie schwere Krankheiten oder eine Schwangerschaft. Daher können tatsächlich einige Familien in Essen Überwintern. Außerdem gab es in einigen Jahren einen sogenannten Wintererlass des Landes, der etwa Roma aus dem Kosovo während der Frostperiode vor der Abschiebung in ihre Heimat bewahrte.

„In anderen Fällen vollzieht die Ausländerbehörde durchaus Abschiebungen. Frühmorgens werden die Leute in den Unterkünften abgeholt und zum Flughafen gebracht“, sagt Berger. Danach würden sie mit einem Einreiseverbot von fünf Jahren belegt und müssten die Kosten für die Flüge tragen, sobald sie Einkünfte haben. „Deswegen riskiert fast niemand eine Abschiebung.“
Bildunterschrift:

  • Zuhause auf Zeit: Menan(19), Muso (36), Emanuel (8) Emine (34) und Melljani (16) Redjepov aus Mazedonien im Übergangsheim an der Worringstraße.  FOTO: HERBERT HÖLTGEN
  • Die Norwegerhäuser an der Worringstraße bieten Flüchtlingen Unterkunft.
  • Dirk Berger   FOTO: HERBERT HÖLTGEN
  • Ankunft von Roma aus Serbien und Mazedonien, die im Oktober in der Tumhalle der ehemaligen Hauptschule an der Lohstraße untergebracht wurden.   FOTO: MICKE

NRZ 21.11.2012 Neues Flüchtlings-Konzept für den kommenden Winter

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NRZ / Essen,Mittwoch, 21.11.2012

Neues Flüchtlings-Konzept für den kommenden Winter

Stadt will sich vorbereiten statt Krisen managen zu müssen


Die Stadt wird voraussichtlich im Frühjahr des kommenden Jahres ein neues Flüchtlingskonzept mit altemativen Unterbringungsstandorten vorlegen. Dies kündigte Sozialdezement Peter Renzel gestem nach der Sitzung des Sozialausschusses gegenüber der NRZ an: „Wir wollen nicht in jedem Winter aufs Neue Krisenmanagment betreiben müssen“. Daran werde man in den nächsten Monaten arbeiten.

Im Moment ebbe die Welle der Asylsuchenden wieder etwas ab. „Doch kein Mensch weiß, wie es weitergeht“, meinte Renzel. Sollte es notwendig sein, könne die geplante Behelfsunterkunft in der Dilldorfschule ab Januar belegt werden. Bei der Einrichtung handele es sich nicht um einen neuen Unterkunftsstandort im eigentlichen Sinne. Deshalb gelten dort auch andere Maßstäbe, machte der Sozialdezement gegenüber der Politik deutlich.

Offenbar erfolgreich: Die Linke Fraktion im Rat der Stadt zog daraufhin einen Antrag zurück, in dem sie die Verwaltung auffordem wollte, die Unterbringung und Versorgung aller Flüchtlinge in Essen nach den vom Rat der Stadt am 24. November 2010 beschlossenen Mindeststandards sicherzustellen. „Wir handeln entsprechend dieser Grundlage“, sagte Renzel.

Allerdings könne es in der momentanen Situation immer mal wieder zu Engpässen kommen. Dass bis zu sieben Menschen auf 20 Quadratmetem untergebracht seien, wie es die Flüchtlingsorganisation „Pro Asyl“ kritisierte, sei aber die Ausnahme und keinesfalls die Regel. In dem beschriebenen Beispiel handele es sich um eine Mutter mit sechs Kindem, die sich gegen eine getrennte Unterbringung ausgesprochen haben, sagte der Sozialdezement. j.m.
Steubenstr. 49, 45138 Essen
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