Aus Anti-Rassismus-Telefon

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Antirassistisches aus Essen

- eine unvollständige Übersicht-

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Essen-Frohnhausen, Altendorfplatz


Diese Broschüre wurde 2005 zum zehnjährigen Jubiläum des Anti-Rassismus-Telefons erstellt

Inhaltsverzeichnis


 

Kontakte:


  • Essener Friedens-Forum
    - Bernd Brack
    Grimbartweg 26
    45149 Essen
    Tel. 0201 - 713757
  • Antifa-Forum Essen
    - Wolfgang Freye
    Postfach 106503
    45003 Essen
  • Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdiensgegnerInnen DFG-VK
    - Juliane Pilz
    Heckstr. 94
    45239 Essen
    Tel. 0201 - 492353
  • Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten VVN-BdK
    - Paul Schnittker
    Ofterdingenstr. 90
    45279 Essen
    Tel. 0201 - 531479
  • ProAsyl / Flüchtlingsrat Essen
    Maxstr. 11(*)
    45127 Essen
    Tel.: 0201 - 20539
    Fax: 0201 - 232060
    info<a>proasylessen.dePost_icon.png


Herausgeber (V.i.S.d.P.)


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  • Interkulturelles Solidaritätszentrum Essen e.V.
    Anti-Rassismus-Telefon

    Maxstr. 11(*)
    45127 Essen
    Tel/Fax: 0201 - 23 20 60
    www.antirassismus-telefon.de
    info@antirassismus-telefon.de
  • Bankverbindung: Sparkasse Essen 277 012, BLZ 360 501 05
    Wir sind als besonders förderungswürdig und gemeinnützig anerkannt



Die Erstellung dieser Broschüre wurde gefördert aus Mitteln des Gemeindefinanzierungsgesetzes



 

Vorwort


Das Redaktionsteam
Dietlinde, Gabi, Gabriella, Mariusz, Olaf, Rainer, Kaveh, ...

Die neuen Kriege finden nicht nur im afghanischen Hindukusch und in Bagdad statt. NATO-Richtlinien zur Sicherung der Rohstoffe, die Aufrüstung des gemeinsamen europäischen Grenzwalls, das neue deutsche Zuwanderungs(verhinderungs)gesetz, Kopftuchstreit und biometrische Merkmale im Reisepass. Diese neuen Kriege sind grenzenlos und ihr Opfer bleiben ohne Name und auch der Vorstellungskraft nicht mehr zugänglich. Die Fronten verwischen sich: Auf der einen Seite gibt es die Toten auf den afghanischen und irakischen Kriegsfeldern, Gefangene, die irgendwo in Kellern und Zwingern verschwinden, Opfer von Hunger, Armutskrankheiten und Unruhen. Auf der anderen Seite greift die Terrorangst um sich und mit sozialen Kürzungen in den „Wohlstandsländern“ soll zu mehr Sicherheit aufgerüstet werden. Die allgemeine Lebenssicherheit bleibt dabei auf der Strecke. 10jGlobus.png

In diesem Klima wird jeder Muslim unter Generalverdacht gestellt und demokratische Rechte aller unterhöhlt.

Diffuse Ängste sind der optimale Nährboden für faschistische Tendenzen und Rassismus. Der Feind ist der „Andere“, kann auch der Nachbar sein, wenn er anders aussieht.

Das Anti-Rassismus-Telefon ist vor über zehn Jahren aus der Solidaritätsbewegung für die ausländischen Nachbarn entstanden. Anfangs standen Telefonketten und die Be­obachtung der Neonazi-Gruppen im Vordergrund. Will man aber den Ursachen von Fremdenfeindlichkeit beikommen, so ist ein Verständnis nichtdeutscher Kulturen und Denkweisen notwendig.

In dieser kleinen Broschüre kommen auch andere Gruppe zur Wort, die sich hier in Essen für eine friedliche Gesellschaft einsetzen. Wir haben Menschen angesprochen, die durch ihre Arbeit in anderen Gruppen, teilweise aber auch individuell, einiges zum Thema multikulturelles Deutschland zu sagen haben.

Die Auswahl ist zwangläufig willkürlich und begrenzt, was uns leid tut. Die Erkenntnis, dass man die Essener Anti-Rassismus-Arbeit beim besten Willen nicht in einer Broschüre darstellen kann, lässt hoffen.

Entstanden ist ein kleines Lesebuch, dass von persönlichen Einsichten über politische Analysen bis zu satirischen Texten reicht.

Wir wünschen viel Freude beim Lesen.



 

Flüchtlingshilfe organisieren!

Juliane Pilz im Gespräch mit Gabi Velten


  • Was ist für dich antirassistisch?

Sich mit Menschen solidarisieren, die aufgrund ihrer sozialen Lage, ihrer Herkunft oder kulturellen Zugehörigkeit diffamiert, marginalisiert und diskriminiert werden. Eigentlich greift das Wort „anti-rassistisch“ heutzutage nicht mehr richtig - genauso wenig, wie die überlieferte einfache Vorstellung von Rassismus aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Um zugespitzt zu verdeutlichen, was ich meine: Lässt man Tausende von Menschen an den Grenzen Europas absaufen, wirft sie brutal raus oder hält man sie mit zivil-militärischen Mitteln davon ab, nach Europa zu fliehen, weil sie als „rassistisch minderwertig“ gelten? Doch wohl kaum. Abgesehen von der praktischen Solidarität mit diskriminierten Menschen oder Bevölkerungsgruppen wäre für mich die Frage anzuregen, was „Rassismus“ unter den Bedingungen der neoliberalen und imperialen Globalisierung ist.


  • Was war der Anlass für dein Engagement?

Der unmittelbare Anlass war 1990 die Gewalt neonazistischer Gruppen und Cliquen auf MigrantInnen. Aber ich war natürlich auch früher im antifaschistischen Sinne aktiv. Ich bin seit 1991 in der Flüchtlingsarbeit aktiv.


  • Für wie wichtig erachtest du ProAsyl innerhalb der Flüchtlingsbewegung?

Initiativen wie ProAsyl/Flüchtlingsrat Essen sind wichtig für die Verteidigung der Integrität von Menschen, die hier suchen, was sie in ihren Heimatländern verloren haben oder nie hatten: Schutz, Sicherheit, soziale - und nicht nur verbale - Toleranz. Toleranz also verstanden als Recht und Möglichkeit zur Integration.


  • Welchen Kommunalpolitischen Stellenwert gibst du der Arbeit von ProAsyl?

Die kritische Einmischung in kommunale Flüchtlingsarbeit könnte ein wichtiger Faktor positiver Integrationsarbeit sein. Stichwort „sozialer Frieden“. Aber die Kommunen sind nicht bereit, ehrenamtlich engagierte Menschen bei ihren Entscheidungen auch nur ein Mitspracherecht einzuräumen. Das so hochgelobte Ehrenamt ist nur willkommen als unbezahlte Dienstleistung für gestrichene Sozialarbeiterstellen. Wenn sich an dieser entwürdigenden Situation etwas ändern soll, braucht ProAsyl/Flüchtlingsrat Essen mehr Menschen, die sich in kommunalen Strukturen gut auskennen und gute Öffentlichkeitsarbeit machen.


  • Was kann erreicht werden?

In diesem Fall würde ich antworten „der Weg ist das Ziel“. Ich würde mir wünschen, dass ProAsyl/Flüchtlingsrat sich in Richtung sozial-politische Instanz für Flüchtlingsfragen bewegt, die jeder kennt und niemand übergehen kann.


  • Wie sieht die Arbeit mit anderen Gruppen aus?

Nicht gut - da teilen Flüchtlingsinitiativen das Schicksal mit anderen sozialen Bewegungen. Sie schmoren zu sehr im eigenen Saft.


Vielen Dank für das Gespräch!


 

Geschichte des Deutsch-Ypsilonischen Kulturvereins

Der Autor (und sogar das Land) ist der Redaktion bekannt.

Es war einmal in Deutschland ein Deutsch - Ypsilonischer Kulturverein. Die Mitglieder waren Deutsche und Ypsilonier. Der Verein pflegte die Kultur und Tradition Ypsiloniens, präsentierte sie in Deutschland. Er bemühte sich um die gute kulturelle Zusammenarbeit mit Deutschland und die Integration seiner ausländischen (da Ypsilonier) Mitglieder. Der Verein schrieb in seiner Satzung: „Wir sind unpolitisch.“

Es gab regelmäßig Treffen in den Vereinsräumen. Es wurde ypsilonisch und auch deutsch gesprochen. Es wurde ypsilonisch und auch deutsch gegessen. Es wurden schöne Ausstellungen und Konzerte von ypsilonischen Künstlern organisiert und präsentiert. Es wurden ypsilonische Volkstänze getanzt. Es wurde viel gesungen und gelacht. Es wurden Witze erzählt, ypsilonische, deutsche und auch Türkenwitze. Es war ja nur Spaß. Die meisten Ypsilonier dachten: „Die Türken waren ja viel viel ausländischer in Deutschland als die Ypsilonier selbst.“

10jTanz.png

Die Ypsilonier waren froh, daß sie so einen schönen Verein hatten. Es gab nämlich wenig Ypsilonier in Deutschland. Es gab nicht viele solche Vereine, wo man Landsleute treffen konnte. Ypsilonien lag nämlich östlich vom eisernen Vorhang. Das muß man wissen. Der Staat Ypsilonien entschied, wer nach Deutschland ausreisen durfte und wer nicht. Eigentlich durften die meisten Bürger nicht. Wer in Deutschland lebte, hatte eine lange Antrags- und Wartezeit für die Erlaubnis hinter sich und er war loyal in Deutschland. Die politischen Flüchtlinge aus Ypsilonien in Deutschland waren im Verein unerwünscht. Sie wurden nicht aufgenommen. Man fürchtete auch Unannehmlichkeiten mit zu Hause.

Der Staat kümmerte sich auch um seine Bürger in Deutschland, natürlich vorwiegend über die ypsilonische Botschaft. Das war gut so. Die Botschaft half dem Verein sehr beim Organisieren von Ausstellungen und Konzerten. Sie wählte auch die Künstler aus, die ausstellen oder singen wollten. Die Vereinsmitglieder wurden zu ypsilonischen Nationalfeiertagen in die Botschaft eingeladen. Sie wurden sehr gastfreundlich empfangen. Sie konnten heimatliche Spezialitäten kosten und trinken, so viel sie mochten. Es war schön. Alle waren dankbar. Einige waren sehr sehr dankbar. Sie wollten das nicht immer an die große Glocke hängen.


Kurze, fast heimliche
Gespräche

Es reichte meist ein kurzes, fast könnte man sagen heimliches Gespräch mit jemandem in der Botschaft, oder, wenn man in Ypsilonien war, mit jemandem vom Staat. Man muss wissen, alle Ypsilonier durften frei aus Deutschland ausreisen und wieder einreisen.

Doch manchmal klappte das mit der freien Ausreise aus Ypsilonien nicht. Der Staat behielt sich das Recht vor, vor der Ausreise einiges zu prüfen: Hat die Person gegen irgend ein Gesetz verstoßen? Gibt es familiäre Gründe, dass die Person dort bleibt? usw. Der deutsche Staat freute sich immer, wenn Ypsilonier für kurze Zeit Besuch von zu Hause empfangen durften. Er war dafür. Aber meistens war der Ypsilonier-Staat dagegen, deswegen gab es sehr sehr selten Besuch aus Ypsilonien. Aber meistens wurde alles in einem vertraulichen Gespräch geklärt, und beide Seiten waren dankbar. So ging das viele Jahre.

Plötzlich war der
eiserne Vorhang weg.

Eines Tages gab es diesen Wetterumschwung in Europa. Die Stürme und Orkane richteten viele Schäden an. Plötzlich war der Eiserne Vorhang auch weg.

Für den Verein ging das Leben weiter. Er bemühte sich weiter um die gute Zusammenarbeit mit Deutschland, pflegte die ypsilonische Kultur, die Integration. Die Treffen fanden weiterhin statt. Es wurde ypsilonisch und deutsch gesprochen. Mit den Ausstellungen, Konzerten und Tänzen klappte es auch, aber nicht so wie früher. Die Witze, auch die Türkenwitze, wurden weiter erzählt. Die Mitglieder haben selber alles organisiert. Aber es gab viel weniger Mitglieder. Die meisten hatten keine Zeit mehr. Sie waren viel mehr unterwegs nach Ypsilonien und zurück. Jetzt konnte und durfte man immer, immer ein- und ausreisen. Das war toll, war eine private, meist finanzielle Sache. Allerdings war der deutsche Staat nicht besonders erfreut, dass die Ypsilonier jetzt sooo viel Besuch aus der alten Heimat bekamen. Er hatte den Verdacht, der Besuch wollte für immer hier bleiben und sich schön integrieren lassen. Das wäre keine gute Idee gewesen. Deutschland führte strenge Einreisebestimmungen ein. Das hat geholfen. Für lange Jahre gelang es Deutschland, den Besucherstrom aus Ypsilonien zu drosseln.

Die ypsilonische Botschaft wurde etwas kleiner, das Geld in Ypsilonien war knapp. Aber Ypsilonien kümmerte sich tapfer weiter um die Mitglieder in ypsilonischen Kulturvereinen. Mitglied durfte, ja sollte, jetzt jeder werden; egal wie und warum er nach Deutschland gekommen war. Es war erwünscht, dass jeder Ypsilonier seinen Beitrag(!!) für die Kulturarbeit leisten konnte.

Der Verein kriegte alles schriftlich zugeschickt, was wichtig war: neue Regierung in Ypsilonien (ziemlich oft), neue Botschafter oder auch wieder die alten, Einladungen für Feierlichkeiten, Sommerfeste. Allerdings musste jetzt jedes Mitglied für die gute Gestaltung des Sommerfestes im Park der Botschaft seine Getränke und hauptsächlich die Würstchen selbst mitbringen.


Der Verein war
weiterhin streng
unpolitisch.

Das war aber kein Problem. Hauptsache, man war wieder zusammen, war höflich und konnte sich unterhalten, vielleicht auch mal nicht so ganz in der Öffentlichkeit. Aber es gab auch neue interessante Themen: Geschäfte, Handel, Privates. Alles war neu und aufregend. Der Verein war weiterhin streng unpolitisch.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch genauso.


 

Deutsch-Ghanaisches

Rainer Sonntag nach einem Gespräch mit Ama

Ama kommt aus Ghana und lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland. Zuletzt hat sie als Flüchtlingsberaterin bei ProAsyl gearbeitet. Nun steht ihr Entschluss fest: Sie wird wieder zurück nach Ghana gehen - in ihre Heimat.

Ich bin zwar selbst nie Opfer von direkten „rassistischen Übergriffen“ geworden, habe aber häufig genug erlebt, wie ich von Deutschen abgelehnt wurde.

In meinem Elternhaus haben wir Menschen immer Zuflucht gegeben, das war schon bei meinem Vater und Großvater so. Gastgeber kann man aber nur sein, wenn man „fremdartige“ am anderen Menschen auch zu schätzen weiß. Die Situation ist doch, dass der Gast viele Regeln noch nicht kennt und erst einmal lernen muss; er ist unsicher, denn er weiß noch nicht, wo genau er sich befindet und wie die Regeln hier sind. Der Gastgeber muss hier die Großzügigkeit haben, dem anderen die Zeit zu geben „anzukommen“, sich zu orientieren. Dann erst können beide richtig in Kommunikation treten, und der Gast kann die vielen neuen Dinge, die er mitbringt, weitergeben.

Hier in Deutschland kommst du an und sofort wird von dir verlangt, dass du alles verstehst, dass du dich anpasst. Viele Deutsche wollen dir auch bei diesem Anpassungsvorgang helfen. Aber irgendwie bekommt man das Gefühl, dass ganz wenige wirklich an einem interessiert sind.

Mich hat sehr erstaunt, dass die Leute hier oft mit dem „Anderen“ nichts zu tun haben wollen und manchmal sogar Angst davor haben. Ich erkläre mir das so: Jemand, der seine eigene Kultur liebt, sie schätzt und sich darin wohlfühlen kann, hat erst dann einen Standpunkt, aus dem er beruhigt andere Kulturen kennen lernen und schätzen kann.

Wenn jemand also Angst vor dem „Fremden“ hat und daher erwartet, dass er sich ihm so schnell wie möglich anpassen soll, dann kann ich mir das nur so erklären: So einer kann sich in seiner eigenen Kultur nicht wohlfühlen. Die vielen rassistischen Vorfälle und Grundtendenzen in Deutschland weisen für mich nur darauf hin, dass sich die Deutschen schon lange nicht mehr in ihrer eigenen Lebenskultur wohlfühlen.

In der Ablehnung des Anderen kommt doch nur eine Blockade im eigenen Denken zum Vorschein - kann einem das nicht Leid tun?


Ablehnung des
Anderen = Blockade im
Denken

In so einer Situation kann man sich als Ausländer mit seinem Wissen einer anderen Kultur gar nicht einbringen, denn die Rollen zwischen dem Ausländer und den Deutschen sind ja eindeutig verteilt. Das fängt schon damit an, dass es so lange dauert, bis man sich wirklich zufriedenstellend in Deutsch ausdrücken kann!

Dann haben viele Deutsche bestimmte Standards und Normen akzeptiert: Globalisierung, Gesetze, Sozialamt, Ausländeramt, Arbeitsstellen, ... - damit identifizieren sie sich gerne. Und auf der persönlichen Ebene haben viele ureigene Empfindungen, wie Schmerz, Trauer und Freude plötzlich keinen Platz mehr. Die Leute dürfen keine Gefühle mehr zeigen und lassen nichts mehr an sich herankommen.Manche glauben, sie würden der anderen Kultur nahe kommen, wenn sie die richtigen Ausdrücke - sprich: political correctness - benutzen oder indem sie nach festen Regeln suchen, wie man sich in anderen Kulturen zu benehmen hat. Dabei muss man sich doch nur einfach offen die Frage stellen: „Wer ist dieser andere Mensch?“ - man muss sich nur öffnen.

Viele Deutsche meinen sicher sein zu müssen. Und in dieser angeblichen Sicherheit mauern sie sich zu gerne ein. Ich muss nicht Linker, Sozialdemokrat, Antirassist oder so sein - ich muss nur die Mauern selbst überwinden können um sich mit dem andern wirklich austauschen zu können.

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Ein Schulprojekt
in Ghana

In Ghana will ich ein kleines Schulprojekt starten. Bis jetzt wird dort vieles auf Englisch gelehrt. Als ich zur Schule ging, durften wir unsere eigene Sprache nicht sprechen und bekamen sogar Prügel dafür. Heute weiß ich, dass so etwas grundlegend falsch ist. Die eigene Sprache ist ein Zuhause. In dieser Sprache lebt, liebt und träumt man. Wenn du das nicht darfst, entsteht eine Blockade, in die man leicht hereinfallen kann: Zum Beispiel haben die Europäer ihre Philosophie so schön wissenschaftlich gebündelt, in Büchern und Bibliotheken. Ich habe viel davon gelesen, und irgendwann habe ich gemerkt: „Ach, interessant, die schreiben da über Sachen, wovon unsere alten Leute unter den Bäumen im Dorf reden!“ Hier stehen in einer fremden Sprache in beeindruckenden Bibliotheken Dinge, die sich unsere alten Herren beim Palmwein erzählen.

Ein einfaches Beispiel: In unserer Sprache sagt man zum Wort Geduld: „die Erde zum Ausatmen übergeben“. Das richtige Atmen ist fester Bestandteil von Entspannungstechniken. Der Ghanaer muss das nicht extra lernen - es kennt es automatisch als Bestandteil seiner Sprache.

Die westliche Welt präsentiert sich als gigantischer Apparat, der es schafft, dass wir in unseren Gesellschaften so viele eigene Dinge brach liegen lassen.

Ich stelle mir eine ganz normale Schule vor - nur, dass dort auch die eigene Kultur gelehrt wird. Mathematik kann man auch in unserer Landessprache Ashanti lernen.

Ich habe in Ghana Abitur gemacht und dort schon gelernt wie Köln und Bonn aussieht und wie der Rhein die beiden Städte teilt. Ich habe die englischen Klassiker von Dickens bis Shakespeare gelesen. Aber ich habe dabei viel zu wenig über mein eigenes Land erfahren. In so einer Schule sollen die Kulturen nicht einseitig oder gegeneinander ausgespielt werden.

Es müssen Brücken geschaffen werden.


 

Gegen das Vergessen!

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten
- Paul Schnittker für den Vorstand

Wir, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten, Kreis Essen, gratulieren allen, die sich gegen den wiedererstarkten Rassismus zur Wehr setzen. Sie zeigen die Zivilcourage, die immer wieder von verantwortlichen Politikern eingefordert wird, die von denen aber selbst nicht gelebt wird.

10 Jahre Anti-Rassismus-Telefon muss aber auch gleichzeitig nachdenklich machen. Wie ist es möglich, dass nach der bitteren Erfahrung mit dem Faschismus Bürgerinnen und Bürger Mut beweisen müssen, um gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit aufzutreten?

Das hängt sicher auch damit zusammen das die Vergangenheit des Faschismus nicht bewältigt und aufgearbeitet wurde. Die alten Besitz- und Machtverhältnisse wurden nach 1945 in der Bundesrepublik wiederhergestellt. Die meisten Verbrechen wurden nicht gesühnt. Neofaschistische Gruppen und Parteien können in der Bundesrepublik nahezu ungehindert wirken.

Die Verfolgung und Verächtlichmachung von Menschengruppen, ja ganzer Nationen, diente immer auch der Kriegsvorbereitung und Ausbeutung ganzer Völker.

10jOstern.jpg Die deutschen Faschisten hatten das perfektioniert. Deutschland wurde zum Mittelpunkt der Welt erklärt. Mit der rassistischen Vorstellung „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ und der Losung „Volk ohne Raum“ wurde der 2. Weltkrieg ausgelöst. Die aberwitzige Lehre von der Herrenrasse diente dazu, im eigenen Land und in Europa die jüdischen Menschen auszurotten.

Der Erbfeind Frankreich musste besiegt und im Osten sollte der Bolschewismus mit all seinen Wurzeln ausgerottet werden. Die Völker des Ostens wurden zu slawischen Untermenschen erklärt. Millionen von ihnen wurden nach Deutschland verschleppt und mussten unter unmenschlichen Bedingungen vor allem in der Industrie Zwangsarbeit verrichten.

Mancher sagt heute, wir leben in einer anderen Welt, man kann das nicht vergleichen. Wir wollen auch nicht vergleichen, aber mit unserer unseligen Geschichte daran erinnern, wohin Rassenwahn und Ausländerfeindlichkeit führen können. Denn damals glaubte die Mehrheit der Menschen auch nicht, zu was der Faschismus fähig ist. Und das geschah im 20. Jahrhundert.


Erinnern, wohin
Rassenwahn und
Ausländerfeindlichkeit
führen können

Und dass zur letzten Jahrhundertwende Kriege wieder zum Mittel der Durchsetzung politischer und ökonomischer Interessen werden, das haben viele auch nicht glauben können. Der Vorwand ist „Terrorismus und Verletzung der Menschenrechte“. Auch ethnische und religiöse Konflikte werden genutzt bzw. geschürt um zum Beispiel an das begehrte Öl zu kommen oder strategische Machtpositionen zu erhalten.
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Noch beteiligt sich die Bundesregierung nicht an allen Kriegen und die Mehrheit der Deutschen wollen friedliche Lösungen. Aber die Gefahr politischer Veränderungen besteht.

Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sind geradezu der Nährboden für derartige Veränderungen. Wir begrüßen sehr, dass das Anti-Rassismus-Telefon dem entgegen wirkt.

Eigentlich müsste es die Bürgerinnen und Bürger in der Bundesrepublik freuen, dass Menschen aus anderen Ländern bei uns Asyl suchen oder einfach nur hier leben wollen. Es könnte ja Ausdruck einer lebendigen Demokratie sein, wie es seinerzeit auch im Grundgesetz niedergeschrieben wurde: Jeder hat das Recht auf ein würdiges Leben. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Väter des Grundgesetzes haben diese Rechte auch als Schlussfolgerung aus der Zeit des Faschismus so festgeschrieben. Sie hatten das Asylrecht zum Grundsatz gemacht. Leider wurde das Grundgesetz verschlechtert und das Asylrecht faktisch beseitigt. Das ermutigt aber geradezu diejenigen Kräfte, die Ausländer und Andersdenkende verfolgen.

Der Schwur der Befreiten von Buchenwald „Nie wieder Faschismus- Nie wieder Krieg“ wurde zum Leitsatz der VVN -BdA. Den Anfängen wehren heißt heute klar zu machen, dass Faschismus keine Meinung sondern ein Verbrechen ist.


Faschismus und
Krieg gehören
zusammen.

Wir wollen daran erinnern, dass Faschismus und Krieg zusammengehören. Aber auch, dass Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit für jede bürgerliche Demokratie eine große Gefahr sind und zum Faschismus führen können.

Wir wünschen, dass das Anti-Rassismus-Telefon weiterhin konkrete Hilfe den Bedrängten geben kann und dass unsere Stadt im besten Sinne sich zu einer multikulturellen Gemeinschaft entwickelt.


 

Antifaschistische Arbeit in Essen

Wolfgang Freye im Gespräch mit Olaf Swillus

Das Essener Antifa-Forum und Wolfgang Freye bekämpfen hier in Essen schon seit Jahrzehnten die Nazi-Szene.


  • Schon vor der Gründung des Anti-Rassismus-Telefons kannten wir uns vom Antifa-Forum. Seit wann gibt es diese Gruppe und warum hast du dich dort engagiert?

550px-10jGrafitti1.jpg Das Antifa-Forum hat sich 1985 gegründet und ist hervorgegangen aus Aktivitäten, die anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus gemacht wurden. Das verknüpfte sich damit, dass in Essen mehrere Überfälle von Nazis stattgefunden hatten, zum Beispiel einer in Altendorf auf die DKP-Geschäftsstelle. Das waren die Themen, mit denen sich das Antifa-Forum beschäftigt hat.


  • Also gibt es das Antifa-Forum bereits seit 20 Jahren. Was hat sich im Laufe der Zeit verändert? Gibt es das Antifa-Forum heute noch?

Das Antifa-Forum gibt es noch, aber ganz anders als früher. Wir sind seit Mitte der 90er Jahre ein eingetragener Verein mit nicht vielen, aber ein paar Mitgliedern. Wir machen nicht sehr oft, aber schon Veranstaltungen zu Anlässen, wie zum Beispiel am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Da haben wir mehrmals Veranstaltungen gemacht.

550px-10jGraffitti3.jpg Ebenso zum 9. November, und wir waren natürlich aktiv bei solchen Sachen wie den NPD-Aufmärschen vor 2 oder 3 Jahren hier in Essen, der eine davon am 1. Mai vor 3 Jahren. Was sich geändert hat, ist, das Antifa-Forum ist gebildet bzw. gegründet worden als ein Bündnis verschiedener Organisationen und war damals ziemlich breit. Die Bündniszusammenkünfte waren ähnlich wie beim Friedensforum Zusammenkünfte verschiedenster Organisationen. Und das hat sich geändert beim Friedensforum dahingehend, dass dies heute ein Zusammenkommen von Friedensfreunden ist, wo es egal ist, ob man in einer Organisation oder einer Partei ist. Viele sind es nicht, und das hat sich beim Antifa-Forum auch in den 90er Jahren in diese Richtung geändert. Daraus hatten wir die Konsequenz gezogen, aus dem Antifa-Forum einen Verein zu machen, was mit bestimmten Vorteilen zu tun hat, zum Beispiel der Gemeinnützigkeit.Politisch hat sich sehr viel getan in diesen 20 Jahren. Wir haben uns am 8. Mai 1985 gebildet. Es gab dann verschiedene Aktionen, unter anderem eine Demonstration am 8. Mai zum Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Gegen Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre formierte sich die rechte Szene immer mehr. Es gab die brutalen Überfälle in Hoyerswerda und Rostock, es gab den Brandanschlag in Solingen, wo 5 Migrantinnen umgebracht wurden, das heißt in den Flammen starben. Und das waren für uns in Essen auch immer Anlässe, Demonstrationen mit zu organisieren. Im Zusammenhang mit der Verschärfung des Asylrechtes haben sich viele Neonazis ermutigt gefühlt, gewalttätig zu werden und auf der Straße zum Teil Leute zu verprügeln, die anders aussahen und so was.


Neonazis fühlten
sich ermutigt,
gewalttätig zu werden.

Heute hat es sich insofern geändert, dass solche Überfälle nach wie vor auf der Tagesordnung stehen und es auch faschistische Gewalt gibt. Aber das wird nicht mehr als etwas Ungewöhnliches angesehen, es ist richtig integriert. Ich habe den Eindruck, es regt sich keiner mehr so richtig darüber auf.


550px-10jGraffitti2.jpg

  • Was verstehst du unter „antirassistisch“?

Antirassistisch ist die Gegenwehr gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihrer Herkunft, wegen ihrer Staatsangehörigkeit oder aus ethnischen Gründen, vielleicht auch wegen ihrer Religionszugehörigkeit.


  • Es gibt also noch viel zu tun. Wie kann man beim Antifa-Forum mitmachen?

Nein, das Antifa-Forum trifft sich in den letzten Jahren nicht regelmäßig, sondern immer nur zu bestimmten Anlässen. Besser wäre vielleicht regelmäßig, aber es gibt ja das Anti-Rassismus-Telefon, welches sich regelmäßig trifft. ProAsyl und der Flüchtlingsrat NRW leisten eine gute regelmäßige Arbeit, wo Leute sich treffen. In Essen ist ansonsten im Bereich Antifaschismus, Antirassismus alles etwas zersplittert. Die VVN ist nicht so aktiv in Richtung Bündnispolitik nach außen. Anti-Rassismus-Telefon und ProAsyl sind wieder Bereiche für sich. Es gibt antifaschistische Jugendgruppen, zum Beispiel die autonome Antifa hat es hier in Essen sehr aktiv gegeben. Das ist stärker abgeebbt und ein großes Problem ist, dass alles nebeneinander her läuft. Wir haben Veranstaltungen, die wir organisiert haben, mit Einrichtungen wie der Zeche Carl gemacht oder mit der Volkshochschule, aber haben keine regelmäßigen Treffen zur Zeit. Wir sind durchaus offen, das auch wieder zu machen. Wer will, kann sich zum Beispiel direkt an mich wenden.


Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: Schmierereien am U-Bahnhof Mülheim-Eichbaum (U18)


 

Persönliche Deutschlandstunde

Alice Czyborra

Nie werde ich dieses Bild vergessen. Hunderte von Menschen standen schweigend vor den Resten des verbrannten Hauses am Ende einer Solinger Sackgasse. Fünf Mädchen und junge Frauen der türkischen Familie Genc waren in der vorangegangenen Nacht ermordet worden. Sie wurden Opfer der Flammen, eines abscheulichen Brandanschlages von jungen Neonazis.

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Ein Mann stand neben mir und hob ein handgeschriebenes Schild: „Zuerst stirbt das Gesetz, dann sterben Menschen“; denn einige Tage zuvor hatte der Bundestag die Verschärfung des Asylgesetzes verabschiedet.

Vorausgegangen war eine unselige Asyldebatte. In verantwortungsloser Art und Weise hatten Politiker und Journalisten eine Schreckensvision an die Wand gemalt. Von Überflutung war die Rede, „Das Boot ist voll“. In einem Klima von Ausländerfeindlichkeit und Rassismus fühlten sich junge Neonazis geradezu ermutigt, Häuser anzuzünden, ausländische Bürger zusammenzuschlagen.

Als Überlebende des Holocaust hatte sich meine Familie nie vorstellen können, dass sich in unserem Land wieder Nazis zusammenrotten, morden und brandschatzen könnten. Meine Eltern waren aus der Emigration in Frankreich nach Deutschland zurückgekehrt. Wie viele Emigranten hatten sie gehofft, mitzuwirken an einem demokratischen Deutschland zusammen mit Antifaschisten, die die Konzentrationslager, die Strafbataillone überlebten. Nie sollte nach diesen schrecklichen Erfahrungen der Nazibarbarei, nach dem Völkermord, faschistisches Gedankengut wieder aufleben, nie wieder rechtsradikale Parteien und Organisationen zugelassen werden. Sehr schnell mussten sie erkennen, wie Verantwortungsträger des faschistischen Regimes aus ihren Löchern krochen, wie sie wieder hohe Posten in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, in der Politik, der Wirtschaft, der Justiz, der Bundeswehr einnahmen. Im Widerspruch zum Grundgesetz konnten sich alte und neue Nazis organisieren, ihre antisemitischen und ausländerfeindlichen Schriften verbreiten, in Wehrsportgruppen Einfluss nehmen auf junge Menschen. Anfang der 90er Jahre dann die schrecklichen Ereignisse: Rostock-Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Hoyerswerda.

Diese Städte wurden zum Inbegriff brutaler Brandanschläge und Überfälle auf Ausländer. Rassistische Ausschreitungen, Gewalt gegenüber ausländischen Bürgern waren jedoch überall in der Bundesrepublik auf der Tagesordnung.


Rostock-Lichtenhagen,
Solingen, Mölln,
Hoyerswerda

Auch in Essen hatten Neonazis einen Brandsatz in das Ausländerwohnheim am Sachsenring geworfen, einige Straße von unserer Wohnung entfernt.

Als Reaktion auf die Angriffe gegen Bürger ausländischer Herkunft gründeten mutige Essener Antifaschisten das Anti-Rassismus-Telefon, um schnell auf Gewalttaten von Rechtsradikalen reagieren zu können, vor allem aber, es erst gar nicht dazu kommen zu lassen.Seit nunmehr zehn Jahren existiert das Anti-Rassismus-Telefon. Da stellt sich die Frage, ob dieser Anschluss noch gebraucht wird? Werden ausländische oder ausländisch aussehende Bürger noch bedroht? Hat sich das Klima in Deutschland verändert, nachdem es einen Aufschrei gegen diese Verbrechen in unserem Land gegeben hat? Ich kann mich noch an die beeindruckende Lichterkette in Essen erinnern, an der sich Tausende Menschen beteiligten.

Die schrecklichen Verbrechen der Neonazis zu Beginn der 90er Jahre haben jedoch nicht eine Wende in der Politik gegenüber rechtsradikalen Organisationen bewirkt. Im Gegenteil:


10jSchuhe.png


Fast wöchentliche
Naziaufmärsche

Fast wöchentlich finden in den letzten Jahren neonazistische Aufmärsche statt, von der Justiz genehmigt, von der Polizei geschützt. Nicht selten werden Antifaschisten, die sich den Neonazis entgegenstellen, kriminalisiert. Durch eine ausländerfeindliche Aktion gegen den Doppelpass konnte Roland Koch Ministerpräsident werden. Mit der Diskussion um das Zuwanderungsgesetz werden erneut Debatten darüber geführt, dass Immigranten, Asylbewerber auf Kosten unseres Sozialstaates leben. Ich denke auch an Martin Walsers Forderung nach dem Schlussstrich unter die Holocaust-Debatte, an die antisemitische Rede des inzwischen ausgeschlossenen Bundestagsabgeordneten Hohmann und an die vielen CDU-Mitglieder, die ihn mit ihrer Unterschrift in einer Zeitungsanzeige unterstützten.

Unfassbar nicht nur für jüdische Bürger ist der offene Antisemitismus, der sich im Protest der Neonazis gegen den Bau von Synagogen in Leipzig und in Bochum äußerte. In Bochum konnte ein breites Bündnis das Verbot einer Demonstration von Rechtsradikalen durchsetzen, die unter der Losung „Kein deutsches Geld für Synagogen“ demonstrieren wollten. Ein Verbot einer weiteren Demonstration gegen den Bau der Synagoge wurde vom Bundesverfassungsgericht aufgehoben. Unter dem Schutz von einem riesigen Polizeiaufgebot konnten die Neonazis am 26. Mai 2004 in Bochum aufmarschieren

Empört hat mich besonders ein weiterer Skandal: Die CDU hatte keine Skrupel, den ehemaligen Nazirichter und späteren Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Filbinger, als Wahlmann zur Bundesversammlung zu nominieren. Filbinger hatte noch wenige Tage vor dem 8. Mai 1945 Deserteure zum Tode verurteilt. Dagegen sollte mit fadenscheinigen Begründungen unter allen Umständen verhindert werden, dass der von der PDS als Wahlmann aufgestellte Antifaschist Hans Lauter sein Mandat auf der Bundesversammlung wahrnimmt. Zehn Jahre hatte Hans Lauter unter dem faschistischen Regime im Zuchthaus und Moorlager verbracht.

10jDeutschstolz.jpg

Es braucht uns also nicht zu wundern, dass bei einer solchen Politik Rechtsradikale Auftrieb erhalten. Jährlich stellt der Verfassungsschutzbericht die Zunahme von rechtsradikalen Gewalttaten, von Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen fest. Durch die Rücknahme des Verbotsantrags gegen die NPD kann diese Partei immer wieder bei Wahlen antreten.


Die NPD darf bei
den Wahlen antreten.

Ganz legal darf die NPD in nationalsozialistischem Stil gehaltene Flugblätter, wie bei der Europawahl, verteilen.

In diesem Klima beantwortet sich die Frage nach der Existenzberechtigung des Anti-Rassismus-Telefons von selbst. Es ist nicht nur eine Anlaufadresse für Menschen, die sich durch Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus bedroht fühlen. Es ist auch eine Adresse für diejenigen, die dagegen etwas tun wollen. Dort treffen wir engagierte Menschen, die sich beständig einbringen, die mithelfen, Bündnisse zu schaffen, um gemeinsam einzutreten gegen die Politik der Diskriminierung, gegen rassistische Ausschreitungen, gegen Abschiebung.

Dass es solche Freunde gibt, und auch die vielen antifaschistischen Aktionen in Essen mit sehr vielen besonders jungen Menschen, das macht mir Mut und Hoffnung. Da kann man nur sagen: Gut, dass es Euch gibt, das Anti-Rassismus-Telefon.


 

Familienintegration

Chorschid und Kaveh Shoaei

Mein Vater arbeitet wieder beim Anti-Rassismus-Telefon. Ich kenne das Büro seit meiner Kindheit und weiß, dass er sich freut wieder hier zu arbeiten. Obwohl, ehrlich gesagt, müssten sich die anderen mehr freuen, meinen Vater wieder zu haben 1 :-)

Vor ein paar Tagen wollte ich wieder mal eine liebe Tochter sein und habe ihn nach der Uni bei seiner Arbeit besucht.

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Ich hätte mir noch vor 15 Jahren, als ich im Alter von 6 Jahren mit meiner Mutter nach Deutschland floh und danach meinen Vater erst nach drei Jahren wieder sehen konnte, nie erträumen lassen, dass ich als Studentin mal meinen Vater beim Büro besuchen würde, wo er sich hauptsächlich mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen hat. Doch die Tatsache, dass wir noch nie direkt über das Thema gesprochen hatten, erschien mir als sehr merkwürdig.


Was heißt denn
überhaupt
RASSISMUS?


Was heißt denn überhaupt RASSISMUS? Wieso redet mein Vater ständig über alles mit mir, aber erläutert nie diesen Begriff, den er oft hier verwendet?

Hallo Papa. Kann ich dich bei deiner Arbeit mal stören?

Du doch immer.


Warum redet ihr hier so oft über Rassismus und hängt Plakate auf, habt viele Prospekte, Sitzungen und viele andere Dinge zum Thema und nirgends steht, was „Rassismus“ eigentlich heißt?

Jeder definiert Rassismus anders. Für mich gibt es Rassismus dann, wenn jemand wegen einer Gruppenangehörigkeit, wie Religion, Denkweise, Hautfarbe oder seiner Nationalität diskriminiert wird. Viele wiederum wissen nicht, dass das, was sie sagen, rassistisch ist, wie zum Beispiel die Wortwahl wie „Asylant“ oder „Nigger“


Ich denke der Grund ist die mangelnde Aufklärung. Die Umgebung in der man lebt, ist doch eine wichtige Voraussetzung. Meine Mitmenschen haben mir meistens ein gutes Gefühl von Sicherheit gegeben und mein Selbstbewusstsein gestärkt.

Man sollte immer den Rassismus gesellschaftlich betrachten. Er bildet sich durch das Unterdrücken einer Minderheit. Diese Minderheit reagiert dann auf verschiedene Weisen; die einen werden depressiv und isolieren sich von ihrer Umgebung. Andere können aggressiv werden. Jedoch gibt es natürlich auch Mitmenschen, die dir oft zur Integration helfen und dein Selbstbewusstsein stärken.

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Das ganze hat wohl die Abhängigkeit der Gesellschaft zur Folge.

Ich erkenne vor allem bezüglich der Abhängigkeit der Gesellschaft einen wichtigen Unterschied zwischen meiner und deiner Generation. Viele, die wie du im jungen Alter nach Deutschland gekommen sind, wurden von Klein auf automatisch in die Gesellschaft integriert oder hatten zumindest viele Möglichkeiten, durch die Schule, Spiele mit Altersgenossen und vieles mehr sich zu integrieren. Ich jedoch muss mir diese Möglichkeiten erst beschaffen.Genau. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern wie und wann ich die deutsche Sprache gelernt habe.

Sprache ist wichtige
Voraussetzung für die
Integration.

Für die 1. Generation ist vielleicht noch die Arbeit eine gute Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Ein weiterer Grund, der die Integration erschwert, ist, dass die 1. Generation bereits eine Persönlichkeit in ihrer Heimat gebildet hat. Ihr Kinder und Jugendliche bildet erst in dieser Gesellschaft eure Persönlichkeit.


Wie gehst du damit um, aus einer Mehrheit einer Gesellschaft (im Iran als Perser) plötzlich einer Minderheit anzugehören?

Ich achte heute mehr darauf, was und wie ich etwas sage. Es kann mir in der Vergangenheit unbewusst passiert sein, dass ich Dinge geäußert habe, die vielleicht jemanden verletzt haben könnten. Auch Vorurteile, die man vielleicht hatte, überdenkt man mehr, denn es gibt viele Vorurteile über Deutsche, aber diese können aus Angst von der Minderheit vor der Mehrheit entstanden sein. Natürlich gibt es wiederum oft genug Situationen, die einige Vorurteile bestätigen. Hattest du denn mal das Gefühl, auf Grund deiner Nationalität diskriminiert worden zu sein?


Ich kann mich kaum daran erinnern. Es gab in meiner Schulzeit eine Lehrerin, die sehr ungerecht benotete (wir Ausländer hatten die schlechteste Benotung). Als mich mein Direktor eines Tages fragte, ob ich mich von ihr diskriminiert fühlte, antwortete ich jedoch sofort mit NEIN. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass jemand mich auf Grund meiner Nationalität schlechter als andere benoten konnte, obwohl die Möglichkeit ja gegeben war.

Genau das ist einer der Unterschiede zwischen unseren Generationen. Ich hätte vermutlich viel pessimistischer gedacht und hätte sie eher verdächtigt. Je weniger Kontakt man zu Deutschen hat, desto pessimistischer befasst man sich mit Situationen.Hast du das Gefühl, du müsstest dich hier als Mensch beweisen?
Ich hatte in meiner Heimat eine anerkannte Persönlichkeit. Meine Umgebung kannte mich, ich wurde mit Respekt behandelt, ich hatte ein starkes Selbstbewusstsein.
Natürlich kennt mich in einem neuen Land keiner, was selbstverständlich ist. Interessant war aber die Tatsache, dass ich zum ersten mal das Gefühl hatte, als ob die Mehrheit (in meinen Fall die Deutschen in meiner Sprachschule) versuchten, uns Ausländer zu erziehen. Sie behandelten uns teilweise so, als ob wir keine eigene Vergangenheit, Persönlichkeit und Identität hätten. Meine Persönlichkeit zu ignorieren störte mich, mein Selbstbewusstsein hätte in dieser Situation geschwächt werden können. Das sind schlechte Erfahrungen, die man machen muss, wenn man sich sprachlich nicht durchsetzten kann.
Ich erinnere mich an die Situation, als du mit deiner Freundin im Alter von 9 Jahren auf dem Weg zum Hort von zwei Rechtsradikalen angegriffen worden bist. Hier machte ich eine weitere schmerzhafte Erfahrung mit der Unwissenheit gegenüber der Gesellschaft. Ich wusste nicht auf Anhieb zu reagieren. Im Iran wäre das kein Thema für mich gewesen, auf vernünftigem Wege eine Lösung zu finden. Doch mit meinen damaligen (Sprach-) Kenntnissen fehlte mir eine zivilisierte Lösung. Wäre ich diesen beiden Männern begegnet, hätte ich sehr aggressiv werden können, was normalerweise nicht meine Art ist.


Wurdest du denn selber direkt mit Rassismus konfrontiert?

Mich hat noch niemand direkt angegriffen, jedoch erlebte ich oft bei Behördengängen für andere Menschen als Übersetzer Diskriminierung. Außerdem bin ich natürlich auf Grund der Tatsache, dass ich beim Anti-Rassismus-Telefon arbeite, Diskriminierungsfällen oft begegnet.


Ich habe oft mitgekriegt, dass Ausländer andere Ausländer diskriminiert haben. Auch in Gesprächen und Diskussionen ist mir diese Abneigung aufgefallen. Doch eigentlich ist das doch verrückt.

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Man darf nicht den Fehler machen und den Rassismus als ein deutsches Phänomen sehen. Es gibt natürlich auch in anderen Gesellschaften Rassismus.

Es gibt natürlich
auch in anderen
Gesellschaften
Rassismus.

Findest du, man sollte auch versuchen, Ausländer mehr aufzuklären?
Ich glaube, die größte Aufklärung sollte die Tatsache sein, dass diese Menschen selbst jetzt zur Minderheit gehören. Wichtig ist die Selbstkritik dieser Menschen, Dialog der Kulturen und Kultur des Dialoges.


Wenn du die Möglichkeit hättest, jetzt wieder in den Iran zurückzukehren, würdest du sie nutzen?

Hättest du mir diese Frage noch vor einiger Zeit gestellt, hätte ich sofort mit JA geantwortet. Ich wollte immer zurück, eigentlich vom ersten Moment als ich hier angekommen bin. Vielleicht deswegen, weil ich gezwungenermaßen ausreisen musste. Es ist sicherlich ein ganz anderes Gefühl, wenn man aus kaufmännischen Gründen oder zumindest freiwillig sein Land verlässt, doch auf der Flucht zu sein auf Grund seiner politischen Denkweise kann einen sehr pessimistisch machen von vornherein. Zu Hause hieß für mich immer Iran, der Ort an dem ich mich wohl und heimisch fühlte. Das Leben in Deutschland war für mich immer eine befristete Angelegenheit. Aber heute sehe ich diese Frage mit anderen Augen. Natürlich möchte ich immer noch zu gern in meine Heimat zurückkehren, doch der Gedanke, Deutschland ganz zu verlassen, fällt mir heute schwer.

Ich würde sicherlich
viele Dinge
hier vermissen.

Menschen, die ich kennen gelernt habe, Orte, die mir vertraut sind, und sicherlich auch noch mehr. Zum ersten mal habe ich das Gefühl, hier ein zweites Zuhause zu haben. Dieses Gefühl ist sehr neu für mich, auch wenn ich viele Jahre dafür gebraucht habe.
Wie war es denn für Dich nach 12 Jahren in den Iran zu reisen?


Es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich war natürlich sehr gespannt und neugierig.

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Ich wurde herzlichst empfangen von meiner Familie, was mir den Einstieg in die neue Atmosphäre sehr erleichterte. Auch bis zum Schluss hielt diese Herzlichkeit an. Diese schöne Erfahrung hatte aber auch seine Nachteile, da ich seit jenem Tage, an dem ich den Iran betrat, meine Familie immer mehr vermisse. Ich fühlte mich sehr geborgen. Das Familiengefühl in diesem Sinne war sehr neu für mich.Die Zusammengehörigkeit, die schnelle Vertrautheit, das Kennenlernen der Kultur direkt im Lande. Auch aus dem Grunde, weil ich aus dem Ausland kam, waren viele Leute sehr interessiert. Sie waren neugierig auf das, was ich zu erzählen hatte. Teilweise spürte ich eine Bewunderung. Die täglichen Verhältnisse, die ich in Deutschland als natürlich empfand, wurden im Iran plötzlich wichtig bzw. wertvoll. Diese Erfahrung hatte ich kaum in Deutschland. Zwar fanden meine Freunde in Deutschland es oft interessant, dass ich aus einer anderen Kultur kam, dass ich eine andere Sprache beherrschte und Ihnen manchmal interessante Dinge zu erzählen hatte auf Grund meiner Herkunft, aber im Iran selbst hatte ich manchmal das Gefühl beneidet zu werden, nur weil ich die Möglichkeit hatte, in Deutschland aufgewachsen zu sein, was mir selbst nie besonders wichtig vorkam.


Stolz, zweikulturig
aufgewachsen zu sein

Es machte mich jedoch stolz, zweikulturig aufgewachsen zu sein und somit auf Grund dessen das Interesse der anderen mehr zu erwecken.

Diese Erfahrungen brachten mich später dazu einiges mehr zu schätzen, zu wissen. Natürlich gab es auch Dinge, die mich im Iran gestört haben. Ich spürte von der Ankunft bis zur Ausreise immer wieder Einschränkungen, mit denen ich mich abfinden musste. Ich hatte als Frau nicht die gleichen Rechte wie die Männer, ich konnte mich nicht frei anziehen, frei äußern oder sogar frei bewegen, sobald ich mich auf der Straße befand. Diese Einschränkungen beziehe ich aber eher auf die politische Situation als auf kulturelle und gesellschaftliche Gründe.

Auch ein neues Angstgefühl lernte ich erst dort kennen. Die Gefahr wegen Alkoholgenusses, wegen Teilnahme an Partys oder auch nur wegen zu geringer Rücksichtnahme auf die gesetzlich vorgegebene Verschleierung festgenommen zu werden, war sehr groß. Man riet mir außerdem ab, bei einer Festnahme meinen eigentlichen Lebensort (also Deutschland) anzugeben, da die Gefahr bestand, dass ich dadurch mehr Probleme bekäme. Insgesamt fühlte ich mich aber trotz der Familie im Iran immer als Ausländerin, so wie ich in Deutschland immer sage, ich fühle mich mehr Iranerin als Deutsche - trotz der deutschen Staatsangehörigkeit.

Das zeigt genau, dass man ist, wie man sich fühlt und man ist nicht das, was das Papier sagt.


Ich denke jetzt haben wir für heute genug gesprochen, ich muss mich jetzt wieder um die Arbeit kümmern.

Sollen wir nach der Arbeit zusammen essen gehen? Mein Magen knurrt schon von so viel Reden.


Gerne, wenn du mich einlädst.

HAHA, wo sollen wir denn essen gehen? Beim Chinesen, Türken, Italiener, Griechen oder sind wir patriotisch genug und gehen zum Iraner Tscholo Kabab essen?


1) Finden wir Mitarbeiter auch...
Fotos: Bunker Körnerstraße in Altendorf.


 

Flüchtlingsarbeit

Bernd Brack im Gespräch mit Gabi Velten


  • Was ist für dich antirassistisch?

Antirassistisch sind für mich Einstellungen und Handlungsweisen, die sich dem dumpfen Rassismus verweigern und entgegenstellen, dem Rassismus, der Menschen aufgrund äußerer Merkmale wie Hautfarbe, Herkunft usw. besondere, meist negative, Eigenschaften zuschreibt - Im Artikel 3 unseres Grundgesetzes ist das alles schon festgelegt.


  • Was war für dich der Anlass für dein Engagement, vor allem bei ProAsyl?

Ich habe 1985 mit der Flüchtlingsarbeit begonnen, und da war es eigentlich zwangsläufig, dass man gegen Rassismus arbeitet und was tut. Denn wir merkten besonders an den Flüchtlingen anderen Aussehens, wie den Afrikanern, dass sie sehr unter rassistischen Tendenzen hier in unserem Land zu leiden hatten.


  • Siehst du deine Tätigkeit in anderen Gruppen auch mit antirassistischer Arbeit in Verbindung stehend?

Ja, natürlich. Es gibt verschiedene Gruppierungen, die sich dem antirassistischen Kampf verschrieben haben. Es gibt einige der linken Parteien, der Kirchengemeinden, die sich da engagieren. Ich kenne besonders eben die evangelische Kirche, weil ich da aktiv bin. Es ist z.B. die Friedensbewegung hier in Essen, das Essener Friedensforum. Es ist ProAsyl. Ja natürlich das Anti-Rassismus-Telefon, wo ich auch Mitglied bin. Und so gibt es genügend Möglichkeiten, wo Menschen sich engagieren können.


  • Seit wann machst du Flüchtlingsberatung?

Meine Flüchtlingsberatung fing an 1985. Das war ja natürlich noch keine professionelle Beratung, weil wir da ja erst anfingen. Wir mussten uns erst wissend machen . Im Laufe der Jahre ist uns dann natürlich Wissen zugewachsen. Ganz klar, durch jeden Menschen, mit dem man sich beschäftigt, mit jedem Flüchtling lernt man wieder mehr kennen von den Gesetzen, von den Bestimmungen, von den Erlassen usw.. Und das sind jetzt fast 20 Jahre, und da hat sich eben einiges angesammelt.


  • Welche Entwicklung kannst du in der Flüchtlingsberatung erkennen?

Das einschneidenste ist die Reduzierung der Flüchtlingsberater auf kommunaler Ebene, d.h. die Zahl der Flüchtlingsberater bei den freien Wohlfahrtsverbänden ist in den letzten Jahren rigoros reduziert worden.


Flüchtlingsberater
rigoros reduziert

Als ich anfing, gab es in Essen mal annähernd 30 Flüchtlingsberater; dann wurden sie reduziert auf 11. Und heute haben wir bei der Caritas und beim Diakonischen Werk insgesamt noch 2,5 Stellen für die Flüchtlingsberatung. Das heißt, in solche Institutionen wie in Essen ProAsyl / Flüchtlingsrat kommen immer mehr Menschen, weil sie woanders nicht mehr beraten werden können. Bei uns hat die Frequenz deutlich zugenommen.

Deutlich spürbar ist, dass die Flüchtlinge, die schon seit 10 Jahren, 15 Jahren oder länger hier sind, andere Probleme dazu bekommen haben. Früher hatten sie nur ihre normalen asylpolitischen Probleme. Heute haben sie teilweise Probleme, wie eben auch minderbemittelte Deutsche. D.h. sie bekommen ja einen sehr geringen Satz, geringer als den Sozialhilfesatz, vom Sozialamt (Asylbewerberleistungsgesetz), und viele haben Probleme mit Schulden, mit Mahnungen usw.. Da müssen wir uns dann auch drum kümmern.

  • Und welchen Unterschied entdeckst du zu früher? Haben sich auch die Bedingungen verändert - und ist es wichtig, dass die Flüchtlingsarbeit Zuwachs erfährt?

Ja, natürlich. Die ehrenamtliche Arbeit könnte noch einige willige Leute gut gebrauchen, weil die Arbeit eben sehr vielfältig geworden ist. Man muss sich sehr intensiv mit einem Flüchtling, mit einer Familie beschäftigen. Sehr intensiv, weil auch unsere Gesetze und die Verfahren immer komplizierter geworden sind, auch rigoroser. Also, in der Ablehnungsquote der Asylbewerber ist Deutschland einsame Spitze. Und die Anerkennungsquote, also die Asylbewerber, denen Asyl gewährt wird, d.h. mit der Zusage, auf Dauer in Deutschland bleiben zu können aufgrund der Verfolgung im Heimatland, ist gesunken auf gut 1% .


Anerkennungsquote 1%
- ein Skandal

Das ist ein Skandal. Es gibt viele Länder auf der Welt, wo Menschen verfolgt werden und um ihr Leben bangen müssen. Und Deutschland erkennt das meiste nicht mehr an, weil die Flüchtlinge nicht in der Lage sind, das zu beweisen. Sie können es nur sagen, und man glaubt ihnen in der Regel ihr Verfolgungsschicksal einfach nicht. Das hat zugenommen, und das ist ein sehr bedauernswerter Zustand.


  • Sind das die Faktoren, durch die die Arbeit erschwert wird oder gibt's da auch noch andere? Und was sind die größten Hindernisse?

Es ist schwerer geworden. Die Menschen haben eine Hoffnung hier in Deutschland, wenn sie ihren Asylantrag gestellt haben. Selbst, wenn er abgelehnt worden ist, bekommen sie dann ja für eine Zeit ihre Duldung. Duldung heißt aber nur Aussetzung der Abschiebung, was aber die Flüchtlinge oft gar nicht verstehen. Sie wissen nicht, dass sie jeden Tag abgeschoben werden können, wenn sie nicht freiwillig ausreisen. Und da geht man auch relativ rigoros vor. Ich muss sagen, in Essen ein bisschen milder als in manchen anderen Städten, von denen ich weiß. Aber die bundesdeutsche Gesetzgebung ist so und lässt dann auch den Ausländerämtern wenig Spielraum, da mal besonders human sich zu verhalten. Sie sind festgelegt. Die Ausländerämter sind die letzte Stufe in diesem System, und sie müssen dann eben teilweise nach der Gesetzeslage die Menschen auch aus unserem Land rausschmeißen, was eine große Katastrophe ist. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, wie lange sie hier leben. Viele kommen zu uns und meinen: „Unsere Kinder sind doch hier geboren. Die kann man doch nicht rausschmeißen.“ „Doch“ müssen wir ihnen dann leider sagen. „Wer hier keinen Aufenthaltsstatus bekommt, keinen gesicherten, und nur die Duldung hat, d.h. für eine Zeit lang hier gelebt hat, der muss zurück.“ Und das läuft jetzt im großen Stil.

  • Wenn man so Trauriges hört, was kann denn überhaupt erreicht werden? Und was möchtest du erreichen?

Na ja, wir sprechen ja jetzt über Antirassismus. Es müsste erst mal erreicht werden, dass diese Menschen als Menschen anerkannt werden. Und zwar zumindest hier in dem reichen Westeuropa, dass sie ihre Menschenrechte wahrnehmen könnten, und dass man sie ihnen gewähren würde. Und da sehen wir viele Defizite in der Gesetzgebung, in der Erlasslage. Da müsste vieles passieren, ich will jetzt nicht in Pessimismus machen, aber ich sehe keinen Silberstreif am Horizont. Es sieht zur Zeit nicht so aus, als ob man sich darum kümmern würde. Man bastelt seit ewigen Zeiten an einem Zuwanderungsgesetz, aber das ist für mich ein egoistisches Gesetz. Man will Leuten den Zugang nach Deutschland erleichtern, die man hier braucht, hochqualifizierten Spezialisten. Viele Flüchtlinge meinen, dass für sie dabei auch was rauskommt; aber wir müssen ihnen dann leider immer wieder sagen, dass an sie dabei keiner gedacht hat. Also für die hier lebenden Flüchtlinge bringt es nichts. Selbst wenn das Zuwanderungsgesetz mal kommt, es wird ja verhandelt und verhandelt seit Monaten. Und, nein, also die Flüchtlinge sind außen vor. Um die kümmert man sich nicht.

Wir haben auch schon verschiedene Aktionen gestartet, wenn Menschen über einen gewissen Zeitraum hier in Deutschland gelebt haben und man keine Chance hatte, sie abzuschieben, weil das Heimatland sie nicht wollte und ihnen keine Pässe gegeben hat; oder weil die Menschen schwerkrank sind, und man weiß hier, dass das nicht in der Heimat zu behandeln ist; dann müsste man diesen Menschen ein Daueraufenthaltsrecht garantieren, damit auch ihre Psyche wieder gesund wird. Sie leben seit Jahren auf gepackten Koffern, weil man muss ja wissen, die Duldung wird in der Regel für 3 Monate ausgestellt. Das heißt, die Leute wissen nie, ob sie über 3 Monate noch hier sein können. Und das ist ein katastrophaler Zustand; und der ist eines Landes, was sich Rechtsstaat nennt, unwürdig.


  • Also trotz viel Frustarbeit ist die Flüchtlingsarbeit nach wie vor wichtig und kann trotzdem auch noch Perspektiven für die betroffenen Menschen bringen?

Nun ja, der Menschenwillen ist hier einfach notwendig. Man kann nicht sagen, dass die Arbeit einem Spaß oder Freude macht; aber sie kann erfüllen, und darum bin ich so lange dabei und hoffe, das noch einige Zeit machen zu können, weil ohne irgendeine Hilfe von deutscher Seite sind Flüchtlinge nun wirklich ganz aufgeschmissen. Auch wenn sie oft die deutsche Sprache sprechen, dann reicht's aber nicht aus, um Erlasse und Gesetze zu verstehen oder auch Schriftstücke, die sie bei den Ämtern bekommen. Dafür sind einfach wir oder andere Menschen, die sich ihrer annehmen, notwendig. Das muss man einfach schaffen, dass noch mehr Menschen sich engagieren und diesen Flüchtlingen helfen, die sonst noch ärger dran sind.

Z.B. kommen Leute mit ihrem Sozialhilfebescheid, den wir zwar auch nicht unbedingt immer verstehen, aber wir können dann mit den Sachbearbeitern sprechen; und dann gab es auch Fälle, wo sich rausstellte, dass da auch Fehler waren. Wenn es da keine Hilfe gäbe von deutscher Seite, also von uns zum Beispiel, dann blieben sie in diesem misslichen Zustand, und da muss geholfen werden. Wir befürchten, uns noch sehr lange darum kümmern zu müssen.


Ob Jugoslawien,
Afghanistan, Irak ...

Es werden immer wieder Flüchtlinge kommen, zwar viel weniger als früher; aber man kann ja davon ausgehen, dass es irgendwann wieder Kriege gibt, wo der Westen sich erdreistet, andere Länder zu befrieden, was ja immer zu Unfrieden und zu Elend führt. Das haben wir ja erlebt in den letzten Kriegen. Immer nach den Kriegen, ob es in Jugoslawien war, Afghanistan, Irak, gibt es wieder neue Flüchtlinge - Menschen, die da nicht mehr leben können. Deshalb wird es immer Flüchtlinge geben, und da muss man sich drum kümmern.
  • Wärest du für offene Grenzen und eine weltweite Migrationsmöglichkeit?

Ja natürlich, eine weltweite Migrationsmöglichkeit ist das erstrebenswerte. Wir sind alle Bürger dieser Welt. Das ist ganz klar. Das soll aber nicht heißen, dass jetzt alle nach Deutschland reinkönnen. Das kann kein Land verkraften. Das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Nein, unser Asylrecht müsste verfeinert werden; es müsste mehr auf individuelle Probleme von Flüchtlingen eingehen. Zur Zeit haben wir den Eindruck, es wird so in Bausch und Bogen und nach Aktenlage entschieden, ohne den Menschen dahinter zu sehen. Da würden wir uns einfach Verbesserungen wünschen. Wenn Menschen nach Deutschland kommen, dann müssten sie ein faireres Verfahren haben hier, und da sehen wir einfach große Defizite. Grundsätzlich geht man davon aus, dass der Flüchtling lügt oder seine Situation falsch darstellt.

Da müsste z.B. ein Betreuer an die Seite gestellt werden, ihnen beim ersten Asylantrag helfen. Sie kommen in dieses Land unter Stress, sie mussten ihr Land verlassen, was ja keiner gerne tut und haben diesen Fluchtweg, der oft sehr abenteuerlich ist; dann hier mit der Aussicht, nicht gewollt zu sein, machen sie Fehler bei ihrer Befragung beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge. Wir wünschen uns, dass Flüchtlinge, die hier herkommen, erst vorher zu einer Beratungsstelle wie der unseren kämen und nicht erst hinterher, wenn eben schon einiges nicht mehr zu kitten ist. Was sie einmal gesagt haben, bleibt in ihrer Akte für immer; und wenn sie sich dann vertan haben in Zeitangaben, in Ortsangaben und es ist aufgefallen, dass sie falsche oder irrtümliche Aussagen gemacht haben, dann legt man ihnen das als Lüge aus, und ihre ganze Aussage wird dann nicht der Wahrheit entsprechend angesehen. Diese Menschen brauchten vorher Betreuung und Hilfe. Aber es sieht nicht so aus, dass wir das hinbekämen. Und darum müssen wir sehen, dass wir mit unserer Arbeit noch hinterher so viel wie möglich kitten und helfen können.


  • Und wenn jetzt jemanden das Arbeitsgebiet interessiert, wie kann man anfangen, wen könnte man fragen?

In allen Kommunen eigentlich, in den größeren mindestens, gibt es solche Einrichtungen wie ProAsyl/Flüchtlingsrat Essen. Da kann man anrufen. Man kann auch bei den Kirchen anrufen. Die Caritas von der katholischen Kirche, das Diakonische Werk von der evangelischen Kirche machen auch Flüchtlingsberatung, zwar wie ich eben gesagt habe, in Essen sehr reduziert, aber sie machen es. Zumindest bekommt man dort Adressen von solchen Hilfsorganisationen wie unserer. Man kann auch die Stadt anrufen. In allen Städten sind diese Einrichtungen bekannt, und ich denke, man muss sich solchen Einrichtungen anschließen, wenn man helfen will. Alleine als Einzelkämpfer ist man ziemlich aufgeschmissen. Man braucht den Kontakt zu anderen, zu gleichgesinnten, wo man sich austauscht, wo man sich weiterbildet, wo man sich fördert, und da sollten Menschen sich melden und mitmachen.


Vielen herzlichen Dank !


 

Das Anti-Rassismus-Telefon

Das Interkulturelle Solidaritätszentrum Essen / Anti-Rassismus-Telefon wurde Anfang 1994 in Essen von Menschen aus verschiedensten Spektren gegründet, deren Ziel es war, „jeder Form von Gewalt und Diskriminierung entgegenzuzwirken ..., die Öffentlichkeit auf deren Ursachen aufmerksam zu machen, sowie den Betroffenen hilfreich zur Seite zu stehen“ (Auszug aus der Satzung).


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Kern der Initiative ist ein gleichnamiger eingetragener Verein mit derzeit 10 aktiven und ca. 40 Fördermitgliedern, sowie einer Anzahl weiterer UnterstützerInnen, die sich regelmäßig an einzelnen Aktionen beteiligen. Der Verein ist als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannt und finanziert sich ausschließlich aus Fördermitgliedsbeiträgen und Einzelspenden.

Ein Arbeitsschwerpunkt der Initiative ist die Beratung und Hilfestellung für alle Menschen in Essen, die wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder aber auch aus anderen Gründen diskriminiert, bedroht oder verfolgt werden. Zu diesem Zweck betreibt der Verein ein zentrales Notruftelefon (Anti-Rassismus-Telefon) sowie - gemeinsam mit dem Verein ProAsyl / Flüchtlingsrat Essen - ein Beratungsbüro, das sowohl als Anlaufstelle für Hilfesuchende als auch als Treffpunkt und Koordinierungsstelle für gemeinsame Aktivitäten mit anderen Initiativen dient.

Als Vernetzungsstelle unterstützt das Essener Anti-Rassismus-Telefon die Zusammenarbeit von Einzelpersonen und Gruppen, die im weitesten Sinne der Völkerverständigung, dem Frieden und dem Antirassismus dienen.

Weitere Schwerpunkte der Arbeit sind die Aufklärung und Information über Ursachen und Erscheinungsformen von Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen von Diskriminierung sowie die Förderung des „interkulturellen Dialogs“ in Essen. Hierzu führt das Interkulturelle Solidaritätszentrum Aktionen, Informations- und Diskussionsveranstaltungen durch, die insbesondere nichtdeutschen BürgerInnen ein Forum bieten sollen, um ihre Sichtweisen und Erfahrungen sowie Forderungen an die Gesellschaft darzustellen.

Bankverbindung
Sparkasse Essen 277 012, BLZ 360 501 05
Wir sind als besonders förderungswürdig und gemeinnützig anerkannt.


 

Danke

Manch stille Helfer haben viele Dinge erst möglich gemacht; hier eine unvollständige Dankesliste.

Danke,

  • den Spendern für die gesamte Erstausstattung des Büros (Möbel, Bürobedarf, Computer).
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Auch diese Plakatwand wurde uns kostenlos zur Verfügung gestellt.
  • der Firma, die es total „vergessen“ hat, uns die Ware auch in Rechnung zu stellen.
  • der Deutschen Telekom, die uns in der Funktelefon-Frage mehrfach tatkräftig unterstützte.
  • den Fachleuten, Anwälten, Steuerberatern, Notaren, Computerexperten, Übersetzern... die uns für Lau ihr Wissen zu Verfügung stellen.
  • den Rechtsanwälten, denen das Lebensrecht von Flüchtlingen oftmals wichtiger ist, als das eigene Einkommen.
  • den vielen Ärzten und den Krankenhäusern, denen die Versorgung eines Menschen wichtiger ist als seine fehlende Krankenkasse.
  • den Menschen, die von Flüchtlingen ohne gültige Papiere erfahren haben und trotzdem den Mund halten konnten.
  • den Menschen, die Flüchtlinge aufgenommen haben, und Dank an die vielen weiteren Helfer, die deren Unterbringung laufend mit unterstützt haben.
  • den vielen Menschen, auch kleinen Vereinen und Gruppen, die uns regelmäßig oder ab und zu mit Spenden unterstützen; auch da, wo die Beträge klein sind, es ist eine moralische Unterstützung.
  • den Menschen, die den Mut und Dickköpfigkeit haben, sich auch in der Öffentlichkeit lautstark für die Rechte der Nichtdeutschen einzusetzen.
  • den vielen Menschen, auf die man rechnen kann, wenn es um Aktionen gegen Neonazis geht.
  • all denen, die die erlittene Diskriminierung nicht mit einem Schulterschütteln abtun, sondern ohne Rücksicht auf Unannehmlichkeiten weiterverfolgen, weil so was nicht sein darf.


Und Danke den vielen vielen anderen, die uns unterstützt haben und in Zukunft unterstützen werden.


Steubenstr. 49, 45138 Essen
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