Familienintegration
Chorschid und Kaveh Shoaei
Mein Vater arbeitet wieder beim Anti-Rassismus-Telefon. Ich kenne das Büro seit meiner Kindheit und weiß, dass er sich freut wieder hier zu arbeiten. Obwohl, ehrlich gesagt, müssten sich die anderen mehr freuen, meinen Vater wieder zu haben 1 :-)
Vor ein paar Tagen wollte ich wieder mal eine liebe Tochter sein und habe ihn nach der Uni bei seiner Arbeit besucht.
Ich hätte mir noch vor 15 Jahren, als ich im Alter von 6 Jahren mit meiner Mutter nach Deutschland floh und danach meinen Vater erst nach drei Jahren wieder sehen konnte, nie erträumen lassen, dass ich als Studentin mal meinen Vater beim Büro besuchen würde, wo er sich hauptsächlich mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen hat. Doch die Tatsache, dass wir noch nie direkt über das Thema gesprochen hatten, erschien mir als sehr merkwürdig.
Was heißt denn überhaupt RASSISMUS?
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Was heißt denn überhaupt RASSISMUS? Wieso redet mein Vater ständig über alles mit mir, aber erläutert nie diesen Begriff, den er oft hier verwendet?
Hallo Papa. Kann ich dich bei deiner Arbeit mal stören?
- Du doch immer.
Warum redet ihr hier so oft über Rassismus und hängt Plakate auf, habt viele Prospekte, Sitzungen und viele andere Dinge zum Thema und nirgends steht, was „Rassismus“ eigentlich heißt?
- Jeder definiert Rassismus anders. Für mich gibt es Rassismus dann, wenn jemand wegen einer Gruppenangehörigkeit, wie Religion, Denkweise, Hautfarbe oder seiner Nationalität diskriminiert wird. Viele wiederum wissen nicht, dass das, was sie sagen, rassistisch ist, wie zum Beispiel die Wortwahl wie „Asylant“ oder „Nigger“
Ich denke der Grund ist die mangelnde Aufklärung. Die Umgebung in der man lebt, ist doch eine wichtige Voraussetzung. Meine Mitmenschen haben mir meistens ein gutes Gefühl von Sicherheit gegeben und mein Selbstbewusstsein gestärkt.
- Man sollte immer den Rassismus gesellschaftlich betrachten. Er bildet sich durch das Unterdrücken einer Minderheit. Diese Minderheit reagiert dann auf verschiedene Weisen; die einen werden depressiv und isolieren sich von ihrer Umgebung. Andere können aggressiv werden. Jedoch gibt es natürlich auch Mitmenschen, die dir oft zur Integration helfen und dein Selbstbewusstsein stärken.
Das ganze hat wohl die Abhängigkeit der Gesellschaft zur Folge.
- Ich erkenne vor allem bezüglich der Abhängigkeit der Gesellschaft einen wichtigen Unterschied zwischen meiner und deiner Generation. Viele, die wie du im jungen Alter nach Deutschland gekommen sind, wurden von Klein auf automatisch in die Gesellschaft integriert oder hatten zumindest viele Möglichkeiten, durch die Schule, Spiele mit Altersgenossen und vieles mehr sich zu integrieren. Ich jedoch muss mir diese Möglichkeiten erst beschaffen.
Genau. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern wie und wann ich die deutsche Sprache gelernt habe.
Sprache ist wichtige Voraussetzung für die Integration.
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- Für die 1. Generation ist vielleicht noch die Arbeit eine gute Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Ein weiterer Grund, der die Integration erschwert, ist, dass die 1. Generation bereits eine Persönlichkeit in ihrer Heimat gebildet hat. Ihr Kinder und Jugendliche bildet erst in dieser Gesellschaft eure Persönlichkeit.
Wie gehst du damit um, aus einer Mehrheit einer Gesellschaft (im Iran als Perser) plötzlich einer Minderheit anzugehören?
- Ich achte heute mehr darauf, was und wie ich etwas sage. Es kann mir in der Vergangenheit unbewusst passiert sein, dass ich Dinge geäußert habe, die vielleicht jemanden verletzt haben könnten. Auch Vorurteile, die man vielleicht hatte, überdenkt man mehr, denn es gibt viele Vorurteile über Deutsche, aber diese können aus Angst von der Minderheit vor der Mehrheit entstanden sein. Natürlich gibt es wiederum oft genug Situationen, die einige Vorurteile bestätigen. Hattest du denn mal das Gefühl, auf Grund deiner Nationalität diskriminiert worden zu sein?
Ich kann mich kaum daran erinnern. Es gab in meiner Schulzeit eine Lehrerin, die sehr ungerecht benotete (wir Ausländer hatten die schlechteste Benotung). Als mich mein Direktor eines Tages fragte, ob ich mich von ihr diskriminiert fühlte, antwortete ich jedoch sofort mit NEIN. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass jemand mich auf Grund meiner Nationalität schlechter als andere benoten konnte, obwohl die Möglichkeit ja gegeben war.
- Genau das ist einer der Unterschiede zwischen unseren Generationen. Ich hätte vermutlich viel pessimistischer gedacht und hätte sie eher verdächtigt. Je weniger Kontakt man zu Deutschen hat, desto pessimistischer befasst man sich mit Situationen.
Hast du das Gefühl, du müsstest dich hier als Mensch beweisen?
- Ich hatte in meiner Heimat eine anerkannte Persönlichkeit. Meine Umgebung kannte mich, ich wurde mit Respekt behandelt, ich hatte ein starkes Selbstbewusstsein.
- Natürlich kennt mich in einem neuen Land keiner, was selbstverständlich ist. Interessant war aber die Tatsache, dass ich zum ersten mal das Gefühl hatte, als ob die Mehrheit (in meinen Fall die Deutschen in meiner Sprachschule) versuchten, uns Ausländer zu erziehen. Sie behandelten uns teilweise so, als ob wir keine eigene Vergangenheit, Persönlichkeit und Identität hätten. Meine Persönlichkeit zu ignorieren störte mich, mein Selbstbewusstsein hätte in dieser Situation geschwächt werden können. Das sind schlechte Erfahrungen, die man machen muss, wenn man sich sprachlich nicht durchsetzten kann.
- Ich erinnere mich an die Situation, als du mit deiner Freundin im Alter von 9 Jahren auf dem Weg zum Hort von zwei Rechtsradikalen angegriffen worden bist. Hier machte ich eine weitere schmerzhafte Erfahrung mit der Unwissenheit gegenüber der Gesellschaft. Ich wusste nicht auf Anhieb zu reagieren. Im Iran wäre das kein Thema für mich gewesen, auf vernünftigem Wege eine Lösung zu finden. Doch mit meinen damaligen (Sprach-) Kenntnissen fehlte mir eine zivilisierte Lösung. Wäre ich diesen beiden Männern begegnet, hätte ich sehr aggressiv werden können, was normalerweise nicht meine Art ist.
Wurdest du denn selber direkt mit Rassismus konfrontiert?
- Mich hat noch niemand direkt angegriffen, jedoch erlebte ich oft bei Behördengängen für andere Menschen als Übersetzer Diskriminierung. Außerdem bin ich natürlich auf Grund der Tatsache, dass ich beim Anti-Rassismus-Telefon arbeite, Diskriminierungsfällen oft begegnet.
Ich habe oft mitgekriegt, dass Ausländer andere Ausländer diskriminiert haben. Auch in Gesprächen und Diskussionen ist mir diese Abneigung aufgefallen. Doch eigentlich ist das doch verrückt.
- Man darf nicht den Fehler machen und den Rassismus als ein deutsches Phänomen sehen. Es gibt natürlich auch in anderen Gesellschaften Rassismus.
Es gibt natürlich auch in anderen Gesellschaften Rassismus.
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Findest du, man sollte auch versuchen, Ausländer mehr aufzuklären?
- Ich glaube, die größte Aufklärung sollte die Tatsache sein, dass diese Menschen selbst jetzt zur Minderheit gehören. Wichtig ist die Selbstkritik dieser Menschen, Dialog der Kulturen und Kultur des Dialoges.
Wenn du die Möglichkeit hättest, jetzt wieder in den Iran zurückzukehren, würdest du sie nutzen?
- Hättest du mir diese Frage noch vor einiger Zeit gestellt, hätte ich sofort mit JA geantwortet. Ich wollte immer zurück, eigentlich vom ersten Moment als ich hier angekommen bin. Vielleicht deswegen, weil ich gezwungenermaßen ausreisen musste. Es ist sicherlich ein ganz anderes Gefühl, wenn man aus kaufmännischen Gründen oder zumindest freiwillig sein Land verlässt, doch auf der Flucht zu sein auf Grund seiner politischen Denkweise kann einen sehr pessimistisch machen von vornherein. Zu Hause hieß für mich immer Iran, der Ort an dem ich mich wohl und heimisch fühlte. Das Leben in Deutschland war für mich immer eine befristete Angelegenheit. Aber heute sehe ich diese Frage mit anderen Augen. Natürlich möchte ich immer noch zu gern in meine Heimat zurückkehren, doch der Gedanke, Deutschland ganz zu verlassen, fällt mir heute schwer.
Ich würde sicherlich viele Dinge hier vermissen.
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- Menschen, die ich kennen gelernt habe, Orte, die mir vertraut sind, und sicherlich auch noch mehr. Zum ersten mal habe ich das Gefühl, hier ein zweites Zuhause zu haben. Dieses Gefühl ist sehr neu für mich, auch wenn ich viele Jahre dafür gebraucht habe.
- Wie war es denn für Dich nach 12 Jahren in den Iran zu reisen?
Es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich war natürlich sehr gespannt und neugierig.
Ich wurde herzlichst empfangen von meiner Familie, was mir den Einstieg in die neue Atmosphäre sehr erleichterte. Auch bis zum Schluss hielt diese Herzlichkeit an. Diese schöne Erfahrung hatte aber auch seine Nachteile, da ich seit jenem Tage, an dem ich den Iran betrat, meine Familie immer mehr vermisse. Ich fühlte mich sehr geborgen. Das Familiengefühl in diesem Sinne war sehr neu für mich. Die Zusammengehörigkeit, die schnelle Vertrautheit, das Kennenlernen der Kultur direkt im Lande. Auch aus dem Grunde, weil ich aus dem Ausland kam, waren viele Leute sehr interessiert. Sie waren neugierig auf das, was ich zu erzählen hatte. Teilweise spürte ich eine Bewunderung. Die täglichen Verhältnisse, die ich in Deutschland als natürlich empfand, wurden im Iran plötzlich wichtig bzw. wertvoll. Diese Erfahrung hatte ich kaum in Deutschland. Zwar fanden meine Freunde in Deutschland es oft interessant, dass ich aus einer anderen Kultur kam, dass ich eine andere Sprache beherrschte und Ihnen manchmal interessante Dinge zu erzählen hatte auf Grund meiner Herkunft, aber im Iran selbst hatte ich manchmal das Gefühl beneidet zu werden, nur weil ich die Möglichkeit hatte, in Deutschland aufgewachsen zu sein, was mir selbst nie besonders wichtig vorkam.
Stolz, zweikulturig aufgewachsen zu sein
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Es machte mich jedoch stolz, zweikulturig aufgewachsen zu sein und somit auf Grund dessen das Interesse der anderen mehr zu erwecken.
Diese Erfahrungen brachten mich später dazu einiges mehr zu schätzen, zu wissen. Natürlich gab es auch Dinge, die mich im Iran gestört haben. Ich spürte von der Ankunft bis zur Ausreise immer wieder Einschränkungen, mit denen ich mich abfinden musste. Ich hatte als Frau nicht die gleichen Rechte wie die Männer, ich konnte mich nicht frei anziehen, frei äußern oder sogar frei bewegen, sobald ich mich auf der Straße befand. Diese Einschränkungen beziehe ich aber eher auf die politische Situation als auf kulturelle und gesellschaftliche Gründe.
Auch ein neues Angstgefühl lernte ich erst dort kennen. Die Gefahr wegen Alkoholgenusses, wegen Teilnahme an Partys oder auch nur wegen zu geringer Rücksichtnahme auf die gesetzlich vorgegebene Verschleierung festgenommen zu werden, war sehr groß. Man riet mir außerdem ab, bei einer Festnahme meinen eigentlichen Lebensort (also Deutschland) anzugeben, da die Gefahr bestand, dass ich dadurch mehr Probleme bekäme. Insgesamt fühlte ich mich aber trotz der Familie im Iran immer als Ausländerin, so wie ich in Deutschland immer sage, ich fühle mich mehr Iranerin als Deutsche - trotz der deutschen Staatsangehörigkeit.
- Das zeigt genau, dass man ist, wie man sich fühlt und man ist nicht das, was das Papier sagt.
Ich denke jetzt haben wir für heute genug gesprochen, ich muss mich jetzt wieder um die Arbeit kümmern.
- Sollen wir nach der Arbeit zusammen essen gehen? Mein Magen knurrt schon von so viel Reden.
Gerne, wenn du mich einlädst.
- HAHA, wo sollen wir denn essen gehen? Beim Chinesen, Türken, Italiener, Griechen oder sind wir patriotisch genug und gehen zum Iraner Tscholo Kabab essen?
1) Finden wir Mitarbeiter auch... Fotos: Bunker Körnerstraße in Altendorf.
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